Ein Mann© M. Pilch
Dr.-Ing. Sven Lie­bisch hat im In­sti­tut für Bau­we­sen die Pro­fes­sur für Was­ser­bau inne.

Was­ser for­dert Städ­te her­aus

von Joa­chim Kläschen

Immer mehr Men­schen zieht und drängt es aus einer Viel­zahl von Grün­den in die Städ­te. Städ­te bie­ten viel­fach bes­se­re Mög­lich­kei­ten für Aus­bil­dung und be­ruf­li­che Ent­wick­lung, für kul­tu­rel­le und an­de­re frei­zeit­li­che Ak­ti­vi­tä­ten sowie me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung und Be­treu­ung. Doch diese Po­pu­la­ri­tät be­deu­tet auch große Her­aus­for­de­run­gen für die Städ­te, er­klärt Prof. Dr.-Ing. Sven Lie­bisch vom In­sti­tut für Bau­we­sen. Ins­be­son­de­re die Sied­lungs­was­ser­wirt­schaft steht vor span­nen­den Auf­ga­ben. Die Teil­dis­zi­plin be­schäf­tigt sich mit der Or­ga­ni­sa­ti­on des Um­gangs mit Trink­was­ser, Be­triebs­was­ser, Ab­was­ser und Nie­der­schlags­was­ser im Um­feld von Sied­lun­gen.

Wenn immer mehr Men­schen zum Ab­was­ser einer Stadt ‚bei­tra­gen‘, kann das eine In­fra­struk­tur an ihre Gren­zen brin­gen – nicht nur wegen der schie­ren Ab­was­ser-Men­gen, die viel­fach sa­nie­rungs­be­dürf­ti­ge Struk­tu­ren über­for­dern. „Wenn der Ab­fluss einer Stadt nicht mehr funk­tio­niert, ist das nicht bloß läs­tig, son­dern kann ge­fähr­lich für die Ge­sund­heit der Men­schen wer­den“, weiß Lie­bisch. Doch nicht nur das Wachs­tum von Städ­ten mit be­tag­ter In­fra­struk­tur ist eine Her­aus­for­de­rung für die Sied­lungs­was­ser­wirt­schaft. „Durch die Land­flucht sind viele länd­li­che Ab­was­ser­sys­te­me mitt­ler­wei­le über­di­men­sio­niert“, sagt der Pro­fes­sor. „Wenn keine An­pas­sung statt­fin­det, kann es zu Ab­la­ge­run­gen im Ka­nal­netz kom­men, und es be­ginnt zu stin­ken.“

Doch auch die Ver­sor­gung von Städ­ten mit Brauch- und Trink­was­ser ist Sache der Was­ser­bau­er. Im Ide­al­fall kön­nen Bau­in­ge­nieu­rin­nen und -in­ge­nieu­re Ma­ß­ar­beit leis­ten: Auf der Basis von An­for­de­run­gen, Ge­set­zen und Ver­ord­nun­gen be­rech­nen sie die be­nö­tig­ten Län­gen und Durch­mes­ser, die von ihnen ge­plan­te Lei­tungs­sys­te­me haben müs­sen, um eine be­stimm­te Menge von Men­schen zu­ver­läs­sig mit Trink­was­ser zu ver­sor­gen. Nicht nur die immer grö­ße­ren Men­schen­men­gen ma­chen sol­che Auf­ga­ben span­nend, fin­det Lie­bisch: „Der Kli­ma­wan­del – ins­be­son­de­re aus­ge­dehn­te Tro­cken­pe­ri­oden und sin­ken­de Grund­was­ser­spie­gel – las­sen das Was­ser auch in vie­len ur­ba­nen Räu­men knapp wer­den. Das zeigt sich bei­spiels­wei­se, wenn Kom­mu­nen den Was­ser­ver­brauch für das Be­wäs­sern von Rasen oder das Au­to­wa­schen un­ter­sa­gen.“

Doch auch das Ge­gen­teil – zu viel Was­ser in der Stadt – ist eine Her­aus­for­de­rung für Bau­in­ge­nieu­rin­nen und -in­ge­nieu­re. „In Städ­ten sind viele Ober­flä­chen ver­sie­gelt“, er­klärt Lie­bisch. „Dä­cher und Stra­ßen hin­dern die Was­ser­mas­sen am Ver­si­ckern, so dass es bei immer häu­fi­ger auf­tre­ten­den Stark­re­ge­n­er­eig­nis­sen zu Über­flu­tun­gen kom­men kann.“ Ent­spre­chend wird ver­sucht, Flä­chen zu ent­sie­geln, Asphalt durch Pflas­ter mit gro­ßem Fu­gen­an­teil oder an­de­re was­ser­durch­läs­si­ge Bau­stof­fe wie bei­spiels­wei­se Ra­sen­git­ter­stei­ne aus­zu­tau­schen. So will man das Was­ser kon­trol­liert län­ger in der Stadt hal­ten. Denn das ver­bes­sert das Mi­kro­kli­ma und ver­hin­dert zudem, dass Mi­kro­plas­tik vom Rei­fen­ab­rieb der Fahr­zeu­ge und an­de­re Schad­stof­fe schwall­ar­tig aus der Stadt in Ge­wäs­ser ge­spült wer­den.

Trotz der vie­len Ver­bes­se­run­gen, die der tech­ni­sche Fort­schritt mit sich bringt, ste­hen Bau­in­ge­nieu­rin­nen und Bau­in­ge­nieu­re – ins­be­son­de­re in der Sied­lungs­was­ser­wirt­schaft – vor gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen. „Was­ser in all sei­nen For­men – als Trink­was­ser, als Ab­was­ser oder als Nie­der­schlags­was­ser – ist ein span­nen­des Ele­ment“, ur­teilt Pro­fes­sor Lie­bisch. „Das, und die Zu­sam­men­ar­beit mit Ex­per­tin­nen und Ex­per­ten aus an­de­ren Dis­zi­pli­nen – aus der Geo­lo­gie, der Che­mie, der Ver­fah­rens­tech­nik oder dem An­la­gen- und Ma­schi­nen­bau – sorgt dafür, dass es beim Sied­lungs­was­ser­bau nie lang­wei­lig wird“, fasst Lie­bisch zu­sam­men, was ihn an sei­ner Pro­fes­si­on be­geis­tert.

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