Rote Nelke© GoranH / Pixa­bay

Warum gibt es den In­ter­na­tio­na­len Frau­en­tag?

von Hart­mut Ohm

Am 19. März 1911 wurde in Dä­ne­mark, Deutsch­land, Ös­ter­reich-Un­garn und der Schweiz der erste In­ter­na­tio­na­le Frau­en­tag ge­fei­ert, bald dar­auf auch in an­de­ren Län­dern. Seit 1917 fin­det er immer am 8. März statt. Die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten ver­bo­ten die­sen Tag, an dem für die Rech­te der Frau­en ge­kämpft wird, sie er­ho­ben den Mut­ter­tag in den Rang eines of­fi­zi­el­len Fei­er­ta­ges. Bald nach der Be­frei­ung Deutsch­lands gin­gen aber auch die Frau­en hier wie­der für ihre Rech­te auf die Stra­ße.

Warum gibt es den In­ter­na­tio­na­len Frau­en­tag ei­gent­lich, und was be­deu­tet er uns heute? Hart­mut Ohm aus der Cam­pus­re­dak­ti­on frag­te Dr. Ma­ri­ke Schmeck, die Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te der FH Kiel.

Warum gibt es den In­ter­na­tio­na­len Frau­en­tag?

Am in­ter­na­tio­na­len Frau­en­tag de­mons­trie­ren seit über 100 Jah­ren Frau­en für die Gleich­stel­lung und gegen die Dis­kri­mi­nie­rung von Frau­en. Die bis­he­ri­gen Er­run­gen­schaf­ten der Frau­en­be­we­gun­gen, von denen auch die junge Frau­en­gene­ra­ti­on pro­fi­tiert, wur­den den Frau­en kei­nes­wegs ge­schenkt, son­dern sind hart von ihnen er­kämpft wor­den. Und noch immer gibt es struk­tu­rel­le Bar­rie­ren, die dazu füh­ren, dass Frau­en nicht die glei­chen Le­bens- und Be­rufs­chan­cen haben wie Män­ner. Darum de­mons­trie­ren am In­ter­na­tio­na­len Frau­en­tag un­ter­schied­li­che Frau­en­grup­pie­run­gen, die sich po­li­tisch en­ga­gie­ren und ihre je­wei­li­gen po­li­ti­schen For­de­run­gen in die Öf­fent­lich­keit tra­gen.

Warum ist die­ser Tag heute immer noch wich­tig?

Im Grund­ge­setz steht „Frau­en und Män­ner sind gleich­be­rech­tigt“, im All­ge­mei­nen Gleich­be­hand­lungs­ge­setz, dass nie­mand auf­grund sei­nes Ge­schlechts be­nach­tei­ligt wer­den darf. In der mo­der­nen Ge­gen­wart­ge­sell­schaft er­le­ben wir aber ein Aus­ein­an­der­klaf­fen zwi­schen der Norm der ge­schlecht­li­chen Gleich­stel­lung und dem Stand ihrer tat­säch­li­chen Um­set­zung – be­son­ders sicht­bar im Kon­text von Ar­beit, Beruf und Fa­mi­lie.  Aber auch Ge­walt gegen Frau­en, ins­be­son­de­re Part­ner­ge­walt, ist ein kon­stan­tes Pro­blem­feld im Ge­schlech­ter­ver­hält­nis.

Dar­über hin­aus bie­tet der In­ter­na­tio­na­le Frau­en­tag auch eine Platt­form für Kri­tik an kul­tu­rel­len Set­zun­gen von He­te­ro­nor­ma­ti­vi­tät oder Ge­schlech­ter­bi­na­ri­tät, die dazu füh­ren, dass be­stimm­te Grup­pen in­ner­halb un­se­rer Ge­sell­schaft mit mehr und an­de­re mit we­ni­ger Pri­vi­le­gi­en aus­ge­stat­tet sind.

Was sind zur­zeit die grö­ß­ten Pro­ble­me im Be­reich Gleich­be­rech­ti­gung?

In vie­len Län­dern der Welt haben Frau­en nicht das Recht, über ihr Leben und ihren Kör­per selbst zu be­stim­men. Sie sind im be­son­de­rem Maße von Ge­walt be­trof­fen, er­le­ben se­xu­el­le Über­grif­fe und Miss­brauch, Ge­ni­tal­ver­stüm­me­lung oder wer­den – bis­wei­len be­reits im Kin­des­al­ter - zwangs­ver­hei­ra­tet oder auch zwangs­pro­sti­tu­iert. Vie­ler­orts haben sie kei­nen oder nur be­ding­ten Zu­gang zu Bil­dung, me­di­zi­ni­scher Ver­sor­gung und Recht­spre­chung. Dies sind nur ei­ni­ge Bei­spie­le, die Band­brei­te von Un­gleich­be­hand­lun­gen und Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen ist viel­fäl­tig.

Und bei uns in Deutsch­land?

Fak­tisch ver­hält es sich so, dass Frau­en in Deutsch­land noch immer den Gro­ß­teil der un­be­zahl­ten pri­va­ten Für­sor­ge­ar­beit leis­ten, im Durch­schnitt be­deu­tend we­ni­ger ver­die­nen als Män­ner, sel­ten ein­fluss­rei­che Füh­rungs­po­si­tio­nen in Wirt­schaft, Wis­sen­schaft und Po­li­tik be­klei­den und in der Kon­se­quenz un­zu­rei­chend in rich­tungs­wei­sen­de ge­sell­schaft­li­che Ent­schei­dungs­pro­zes­se ein­ge­bun­den sind.

Wie kann gen­der­ge­rech­te Spra­che hel­fen, Gleich­be­rech­ti­gung her­zu­stel­len?

Spra­che schafft Be­wusst­sein. Spra­che er­zeugt Be­deu­tun­gen, er­zeugt Bil­der in un­se­ren Köp­fen und formt dar­über un­se­re so­zia­le Wirk­lich­keit. Wer sprach­lich be­nannt wird, er­hält Sicht­bar­keit, An­er­ken­nung und Le­gi­ti­ma­ti­on.

Frau­en haben lange darum ge­run­gen, in der Spra­che sicht­bar ge­macht zu wer­den und nicht bloß mit­ge­meint zu sein. Wenn ich immer nur in der männ­li­chen Form vom Top­ma­na­ger, Po­li­ti­ker oder Chef­arzt spre­che, dann werde ich in mei­ner Vor­stel­lung diese Po­si­tio­nen auch eher mit Män­nern ver­knüp­fen und sie ten­den­zi­el­le eher für ge­eig­net hal­ten, be­stimm­te Funk­tio­nen zu über­neh­men.

Dabei sind die An­for­de­run­gen kom­ple­xer ge­wor­den, denn auch Men­schen, die sich nicht in­ner­halb der Norm der Zwei­ge­schlecht­lich­keit zu­ord­nen kön­nen oder wol­len, haben einen be­rech­tig­ten An­spruch dar­auf, in der Spra­che sicht­bar und damit wahr­nehm­bar zu sein. In der Spra­che ab­ge­bil­det zu wer­den, ist von ele­men­ta­rer Be­deu­tung für die so­zia­le Exis­tenz. Denn wenn ich sprach­lich nicht re­prä­sen­tiert bin, dann wer­den ich und meine Rech­te und Be­dürf­nis­se we­ni­ger wahr- und erst­ge­nom­men.

Was soll­ten Män­ner tun, um Frau­en im Kampf für die Gleich­be­rech­ti­gung zu un­ter­stüt­zen?

Män­ner er­ken­nen zu­neh­mend, dass auch sie von einer gleich­be­rech­tig­te­ren Ge­sell­schaft pro­fi­tie­ren wür­den, dass alt­her­ge­brach­te Zu­schrei­bun­gen an ihr Ge­schlecht eben­falls Zwän­ge und Er­war­tun­gen be­inhal­ten, mit denen sich vor allem jün­ge­re Män­ner nicht mehr voll­um­fäng­lich iden­ti­fi­zie­ren.  Viele Män­ner set­zen sich heute daher be­reits - auf na­tio­na­ler wie in­ter­na­tio­na­ler Ebene - aktiv für glei­che Rech­te von Frau­en ein. Das kön­nen gerne noch mehr wer­den.

Eine zen­tra­le Vor­aus­set­zung ist dabei die Be­reit­schaft von Män­nern, sich mit Frau­en zu so­li­da­ri­sie­ren, sich aktiv für Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit ein­zu­set­zen und zu die­sem Zweck auf die Pri­vi­le­gi­en zu ver­zich­ten, die Män­nern in un­se­rer Ge­sell­schaft nicht auf­grund ihrer Leis­tung, son­dern auf­grund ihres Ge­schlechts zu­teil­wer­den. 

Gibt es auch etwas, dass Sie sich von den Frau­en wün­schen?

Ich wün­sche mir von Frau­en, dass sie das Er­reich­te nicht für selbst­ver­ständ­lich be­grei­fen und die Leis­tun­gen ver­gan­ge­ner Frau­en­gene­ra­tio­nen an­er­ken­nen und wert­schät­zen. Dass sie sich nicht zu­frie­den geben oder gar rück­wärts wen­den, son­dern auch zu­künf­tig be­reit sind, für Gleich­stel­lung und die Gleich­be­hand­lung von Men­schen ein­zu­tre­ten.

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