Ein Mann mit zwei Kindern am Strand.© TU Braun­schweig
Väter wol­len mehr Zeit mit ihren Kin­dern ver­brin­gen, nur eine Er­kennt­nis aus der Vä­ter­stu­die der TU Braun­schweig und der FH Kiel.

Ver­ständ­nis­vol­ler Spiel­ka­me­rad statt ab­we­sen­der Er­näh­rer

von Frau­ke Schä­fer

Wie neh­men Väter sich selbst und ihre Fa­mi­lie wahr? Haben sie Pro­ble­me, Va­ter­schaft und Be­rufs­tä­tig­keit zu ver­ein­ba­ren? Wie sieht es mit der Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit und der Ar­beits­or­ga­ni­sa­ti­on im Fa­mi­li­en­all­tag aus? Diese und an­de­re Fra­gen un­ter­such­ten So­zi­al­wis­sen­schaf­ter*innen der Tech­ni­schen Uni­ver­si­tät Braun­schweig und der Fach­hoch­schu­le Kiel in ihrer Stu­die „VAPRO – You don't need to be Su­per­he­roes“.

Die Rolle von Vä­tern ist in den ver­gan­ge­nen Jah­ren immer mehr in den ge­sell­schaft­li­chen Fokus ge­rückt. De­bat­ten wie #da­zu­hat­pa­pa­nichts­zu­sa­gen, Dis­kus­sio­nen um einen 14-tä­gi­gen Va­ter­schutz und nicht zu­letzt die Er­wei­te­rung der El­tern­zeit um zwei Vä­ter­mo­na­te spie­geln diese Ent­wick­lung wider. „Trotz der ver­mehr­ten Dis­kus­si­on um die Rolle von Vä­tern ist diese seit ei­ni­gen Jah­ren nicht mehr um­fas­send wis­sen­schaft­lich un­ter­sucht wor­den. Diese Lücke woll­ten wir mit un­se­rer Stu­die schlie­ßen“, er­klärt Pro­jekt­lei­te­rin Dr. Kim Bräu­er von der TU Braun­schweig. Im Rah­men der VAPRO-Stu­die be­frag­te das Team um Bräu­er und Prof. Dr. Kai Mar­quard­sen von der Fach­hoch­schu­le Kiel 2.200 Väter on­line und führ­ten 55 qua­li­ta­ti­ve In­ter­views. Dabei be­rück­sich­tig­ten sie neben recht­li­chen und bio­lo­gi­schen Vä­tern auch Pfle­ge­vä­ter, Väter in Co-Par­en­ting-Kon­stel­la­tio­nen und ho­mo­se­xu­el­le Vä­ter­paa­re. Au­ßer­dem wur­den nicht nur die Män­ner selbst be­fragt, son­dern auch die (Eigen-)Dar­stel­lung von Va­ter­schaft in so­zia­len Me­di­en ana­ly­siert.

Das Bild vom Vater, der mit sei­nem Ein­kom­men die Fa­mi­lie er­nährt und mit den Kin­dern höchs­tens am Wo­chen­en­de spielt, ist passé. Tat­säch­lich ist es Vä­tern heute vor allem wich­tig, ihre Kin­der „em­pa­thisch und ver­ständ­nis­voll“ zu er­zie­hen. Das ist eines der zen­tra­len Er­geb­nis­se der VAPRO-Stu­die. Das Ideal des emo­tio­na­len Va­ters ist weit ver­brei­tet. So ist es fast 60 Pro­zent der Väter am wich­tigs­ten, dass sie ihrem Kind bzw. ihren Kin­dern Zu­nei­gung zei­gen. Der Trend zu ver­mehr­ter ak­ti­ver Va­ter­schaft sei klar er­kenn­bar, so die Wis­sen­schaft­ler*innen. Dabei en­ga­gie­ren sich die Väter am häu­figs­ten in der Kin­der­be­treu­ung, indem sie zum Bei­spiel mit den Kin­dern spie­len. Deut­lich sel­te­ner über­neh­men die Väter ak­ti­ve Er­zie­hungs­maß­nah­men.

Das Bild vom Vater als Er­näh­rer do­mi­niert nicht mehr

Ein Gro­ß­teil der be­frag­ten Väter hat sich von dem Bild des Va­ters als Er­näh­rer ge­löst. Nur rund 12 Pro­zent von ihnen hal­ten es für ihre wich­tigs­te Auf­ga­be, der Fa­mi­lie fi­nan­zi­el­le Si­cher­heit zu bie­ten. „Die von uns be­frag­ten Väter haben an­ge­ge­ben, dass ihnen mo­ne­tä­re Werte nicht so wich­tig seien, wie so­zia­le oder emo­tio­na­le Werte“, er­klärt Prof. Dr. Kai Mar­quard­sen. In die­sem Zu­sam­men­hang kri­ti­sier­ten viele der In­ter­view­ten ihre ei­ge­nen Väter unter an­de­rem als „zu be­stim­mend“, als „ab­we­send“ und „mit der Ar­beit zu be­schäf­tigt“. Sie nut­zen ihre Väter als „ne­ga­ti­ves Vor­bild“ und be­to­nen, dass sie selbst als Vater be­wusst an­ders han­deln wür­den.

Den­noch sind fast 85 Pro­zent der Väter wö­chent­lich 40 Stun­den oder mehr er­werbs­tä­tig, wäh­rend fast drei Vier­tel der an­de­ren El­tern­tei­le nicht oder ma­xi­mal 30 Stun­den in der Woche ar­bei­ten. Trotz­dem nimmt fast jeder zwei­te Vater an, dass er sich ge­nau­so viel um fa­mi­liä­re An­ge­le­gen­hei­ten der Kin­der­be­treu­ung küm­mert, wie der an­de­re El­tern­teil. Le­dig­lich jeder zehn­te Vater über­nimmt die meis­ten Auf­ga­ben der Fa­mi­li­en­ar­beit. Dies sind vor allem Väter, die ihre Er­werbs­tä­tig­keit be­en­det oder deren Um­fang re­du­ziert haben, um mehr Zeit für ihre Fa­mi­lie und die Ver­sor­gung der Kin­der zu haben.

Viele Väter, auch das ist eine Er­kennt­nis der Stu­die, geben an, ihren ei­ge­nen Vor­stel­lun­gen guter Va­ter­schaft nicht ge­recht zu wer­den. „Hier zei­gen sich Par­al­le­len zur Mut­ter als All­roun­de­rin, die im Job er­folg­reich sein muss und gleich­zei­tig lie­be­voll die Kin­der und ihre Ver­wand­ten um­sorgt“, er­klärt Kim Bräu­er. „Der Trend geht also weg von der ‚klas­si­schen‘ Rol­len­tren­nung hin zu einem ‚Alle-er­fül­len-alle-Rol­len‘ und die­ses mög­lichst per­fekt. Dabei er­le­ben die Väter nicht nur einen Work-Fa­mi­ly-Kon­flikt. Es scheint auch darum zu gehen, sich in ihrem Freun­des­kreis, in Ver­ei­nen oder bei der Ver­sor­gung der El­tern ein­zu­brin­gen und ihren Kin­dern auf diese Weise so­zia­le Werte vor­zu­le­ben,“ so Bräu­er.

Väter blog­gen nicht über Armut

Im Rah­men ihrer Stu­die haben die So­zi­al­wis­sen­schaft­ler*innen die In­sta­gram-Ac­counts von sie­ben sehr po­pu­lä­ren Vä­ter­blog­gern und deren Bild von Va­ter­schaft ana­ly­siert. Hier herrscht das Ideal des zu­meist wei­ßen, ak­ti­ven Va­ters. Va­ter­schaft in Armut oder Va­ter­sein mit Mi­gra­ti­ons­er­fah­rung wür­den hin­ge­gen kaum the­ma­ti­siert, er­klärt Prof. Mar­quard­sen. „Das lässt sich damit er­klä­ren, dass Armut mit Scham be­haf­tet ist und Väter in Ar­muts­la­gen sich – auch vir­tu­ell – nicht of­fen­ba­ren wol­len. Väter, deren Leben von einem ge­rin­gen Ein­kom­men ge­prägt ist oder die auf Leis­tun­gen vom Staat an­ge­wie­sen sind, fin­den unter Vä­ter­blog­gern also nie­man­den in ähn­li­cher Le­bens­la­ge.“ Auch unter #ich­bi­nar­muts­be­trof­fen fan­den die Wis­sen­schaft­ler*innen nur we­ni­ge Be­rich­te von Vä­tern in Ar­muts­la­gen.

Es sei schwie­rig ge­we­sen, für In­ter­views Kon­takt zu Be­trof­fe­nen her­zu­stel­len, da diese in be­son­de­rer Weise unter dem Druck ge­sell­schaft­li­cher Nor­ma­li­täts­vor­stel­lun­gen stün­den, er­klärt der Kie­ler So­zi­al­wis­sen­schaft­ler: „Selbst­ver­ständ­lich fin­den wir auch unter Vä­tern in Ar­muts­la­gen eine Viel­falt im Er­le­ben von Va­ter­schaft. Aber im Un­ter­schied zu an­de­ren Vä­tern ist für sie vor allem die ma­te­ri­el­le Ver­sor­gung der Fa­mi­lie wich­ti­ge­res Thema. In un­se­ren In­ter­views wurde deut­lich, dass für sie ins­be­son­de­re Her­aus­for­de­run­gen auf ma­te­ri­el­ler Ebene eine Rolle spie­len, die bei Vä­tern in ge­si­cher­ten Ver­hält­nis­sen kein Thema waren “, so Mar­quard­sen. „Ins­ge­samt be­steht be­züg­lich des Er­le­bens von Va­ter­schaft von Vä­tern in Armut aber wei­ter drin­gen­der For­schungs­be­darf. Nicht zu­letzt wis­sen wir noch zu wenig dar­über, wel­che kurz- und län­ger­fris­ti­gen Ein­flüs­se ge­sell­schaft­li­che Kri­sen­er­eig­nis­se wie Co­ro­na oder eine stei­gen­de In­fla­ti­on auf die Pra­xis ge­leb­ter Va­ter­schaft in ver­schie­de­nen Mi­lieus haben.“

Hand­lungs­emp­feh­lun­gen für die Pra­xis

Ziel des Pro­jekts war es auch, Hand­lungs­emp­feh­lun­gen für Ar­beit­ge­ber*innen, Ko­or­di­na­tor*innen von Vä­ter­netz­wer­ken und po­li­ti­sche Ak­teur*innen zu ent­wi­ckeln, um die Le­bens­la­gen von Vä­tern sicht­ba­rer zu ma­chen und ihre Si­tua­ti­on und die ihrer Fa­mi­li­en nach­hal­tig zu ver­bes­sern. Vä­ter­ar­beit, so die Emp­feh­lung der For­schen­den, solle sich ver­stärkt auf deren all­täg­li­ches Han­deln be­zie­hen. Es gehe we­ni­ger darum, ein neues Bild von Va­ter­schaft zu ver­mit­teln, als die Väter stär­ker in all­täg­li­che Auf­ga­ben ein­zu­bin­den, er­klärt Bräu­er: „Es wäre denk­bar, Väter aktiv als El­tern­spre­cher an­zu­fra­gen, Vä­ter­schwimm­kur­se an­zu­bie­ten oder sie aktiv zum Bei­spiel in Eltern­chats an­zu­spre­chen.“ Un­ter­stüt­zung wün­schen sich die Wis­sen­schaft­ler*innen au­ßer­dem durch ent­spre­chen­de fa­mi­li­en­po­li­ti­sche Re­for­men. „Das würde es vie­len Vä­tern leich­ter ma­chen, spe­zi­el­le An­ge­bo­te der Ar­beit­ge­ber*innen auch tat­säch­lich an­zu­neh­men.“

Stu­di­en­de­sign

Die VAPRO Stu­die hatte eine Lauf­zeit von zwei­ein­halb Jah­ren und wurde von der Stab­stel­le für Chan­cen­gleich­heit der TU Braun­schweig und dem Braun­schwei­ger Zen­trum für Gen­der Stu­dies fi­nan­ziert. Die For­scher*innen wähl­ten einen Me­tho­den-Mix und wer­te­ten 55 qua­li­ta­ti­ve In­ter­views, eine On­line-Um­fra­ge mit bun­des­weit 2.200 Teil­neh­mern und sie­ben In­sta­gram-Ac­counts von Vä­ter­blog­gern aus.

Wei­te­re In­for­ma­tio­nen

Ab­schluss­be­richt: https://​leopard.​tu-braun­schweig.de/re­cei­ve/dbbs_­mods_00071776

Pro­jekt­home­page: www.​tu-​bra​unsc​hwei​g.​de/​fam​ilie​nbue​ro/​vaeter

VAPRO-In­sta­gram-Ac­count: https://​www.​instagram.​com/​dadsaredads/

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