Zwei Männer bedienen eine Maschine in der Werkstatt© A. Die­köt­ter
Le­an­der Heyda (l.) und Fa­bi­an König haben ihre Lehre zum Fein­werk­me­cha­ni­ker im Ja­nu­ar 2023 er­folg­reich ab­ge­schlos­sen.

Qua­li­täts­vol­le Lehr­zeit: Aus­bil­dung in der Zen­tral­werk­statt der FH Kiel

von Nele Be­cker

Fei­len, Dre­hen, Frä­sen, Löten, Kle­ben – all das und vie­les mehr steht in der Zen­tral­werk­statt an der Fach­hoch­schu­le Kiel auf dem Pro­gramm. In der mo­der­nen, licht­durch­flu­te­ten Halle in der Schwen­tin­e­stra­ße fer­ti­gen Werk­statt­lei­ter Det­lef Möl­ler und sein drei­köp­fi­ges Team plus Lehr­lin­ge – im Hand­werk heißt es noch Lehr­ling – an Werk­zeug­ma­schi­nen Werk­stü­cke aus den ver­schie­dens­ten Ma­te­ria­li­en wie Alu­mi­ni­um, Mes­sing, Stahl-Edel­stahl oder Kunst­stoff. Damit tra­gen sie einen wich­ti­gen Teil zum rei­bungs­lo­sen Ab­lauf des Hoch­schul­all­tags an der FH Kiel bei.

Auf­trä­ge er­hält die Werk­statt näm­lich über­wie­gend von Stu­die­ren­den und Leh­ren­den, meist aus den Fach­be­rei­chen Ma­schi­nen­we­sen sowie In­for­ma­tik und Elek­tro­tech­nik. „Die Stu­die­ren­den und Leh­ren­den lie­fern uns Zeich­nun­gen und An­for­de­run­gen für ihre Pro­jek­te. Wir be­wer­ten dann, ob die Pla­nung tech­nisch mach­bar ist, be­ra­ten ge­ge­be­nen­falls be­züg­lich not­wen­di­ger Än­de­run­gen, be­schaf­fen das Ma­te­ri­al und set­zen den Auf­trag um“, er­klärt Werk­statt­lei­ter Det­lef Möl­ler. Die Er­geb­nis­se sind viel­fäl­tig: In der Werk­statt ent­ste­hen bei­spiels­wei­se Vor­rich­tun­gen für Ro­bo­ter­tech­nik oder Bau­tei­le für das in­ter­dis­zi­pli­nä­re stu­den­ti­sche Pro­jekt Raceyard, das jedes Jahr einen Renn­wa­gen ent­wi­ckelt. „Stu­die­ren­de und die Lehre haben immer höchs­te Prio­ri­tät, und not­falls schie­ben wir auch ein­mal drin­gen­de Auf­trä­ge da­zwi­schen“, be­tont Möl­ler und er­gänzt stolz: „Wir stel­len immer si­cher, dass sich Stu­die­ren­de an ihren Zeit­plan hal­ten kön­nen und nicht etwa ihr Stu­di­um um ein Se­mes­ter ver­län­gern müs­sen oder Pro­jek­te und Prü­fun­gen auf­grund von Ver­zö­ge­run­gen in der Zen­tral­werk­statt nicht be­stehen.“

Det­lef Möl­ler ist be­reits seit 1982 in der Zen­tral­werk­statt der Fach­hoch­schu­le tätig. Zu­nächst war er als Ge­sel­le an­ge­stellt, und seit sei­nem Meis­ter­kur­sus, den er An­fang der 90er-Jahre in Kon­stanz ab­sol­vier­te, ist der heute 65-Jäh­ri­ge Lei­ter der Werk­statt und bil­det Nach­wuchs­kräf­te aus. Denn, was viele nicht auf dem Schirm haben: Die FH Kiel ist nicht nur eine Hoch­schu­le, son­dern auch eine Aus­bil­dungs­stät­te.

Daran hat­ten auch der 23-jäh­ri­ge Fa­bi­an König aus Al­ten­holz und der 25-jäh­ri­ge Le­an­der Heyda aus Schön­kir­chen bei der Suche nach einem Aus­bil­dungs­platz zu­nächst nicht ge­dacht: „Wir sind beide über eine An­zei­ge in der Zei­tung auf die Aus­bil­dungs­plät­ze auf­merk­sam ge­wor­den“, er­in­nert sich Heyda. Im Sep­tem­ber 2019 haben sie ihre Aus­bil­dung zum Fein­werk­me­cha­ni­ker in der Zen­tral­werk­statt be­gon­nen. Ende 2022 stand der schrift­li­che Teil ihrer Ge­sel­len­prü­fung an, bevor sie ihre Lehre An­fang 2023 mit den münd­li­chen Prü­fun­gen er­folg­reich ab­ge­schlos­sen haben.

Zwei Männer stehen an einem Pult und schauen eine technische Zeichnung an©A. Die­köt­ter
Fa­bi­an König (r.) schätzt an sei­ner Aus­bil­dung in der Zen­tral­werk­statt die in­di­vi­du­el­le Be­treu­ung im klei­nen Team.

An die Qua­li­tät der Aus­bil­dung hat Möl­ler hohe An­sprü­che – auch in tur­bu­len­te­ren Pha­sen ist ihm in­di­vi­du­el­le Be­treu­ung wich­tig. Von sei­nen Lehr­lin­gen er­war­tet der Fein­me­cha­ni­ker­meis­ter vor allem Sorg­falt, Sau­ber­keit und Ord­nung. „Qua­li­tät geht vor Schnel­lig­keit“, sagt er. „Wir möch­ten un­se­ren Lehr­lin­gen Zeit geben, sich mit Werk­zeu­gen, Ge­rä­ten und Ma­te­ria­li­en ver­traut zu ma­chen und sich in­ten­siv mit ihren Auf­ga­ben aus­ein­an­der­zu­set­zen.“

Zu Be­ginn der Aus­bil­dung, die auf eine Dauer von drei­ein­halb Jah­ren aus­ge­legt ist und bei sehr guten Noten auf drei Jahre ver­kürzt wer­den kann, ar­bei­ten die an­ge­hen­den Fein­werk­me­cha­ni­ker*innen daher aus­schlie­ß­lich an Übungs­auf­ga­ben. An­schlie­ßend un­ter­stüt­zen sie die Ge­sell*innen bei deren Pro­jek­ten. Bevor sich die Lehr­lin­ge mit den kon­ven­tio­nel­len und schlie­ß­lich auch mit den com­pu­ter­ge­stütz­ten Ma­schi­nen ver­traut ma­chen, be­ar­bei­ten sie Me­tal­le zu­nächst per Hand mit der Feile, um die viel­fäl­ti­gen Grund­la­gen zu er­ler­nen und ver­schie­de­ne Werk­stof­fe ken­nen­zu­ler­nen.

Die prak­ti­sche Aus­bil­dung in der Werk­statt wird durch Un­ter­richt an der Be­rufs­schu­le und in über­be­trieb­li­chen Aus­bil­dungs­ein­rich­tun­gen er­gänzt. Die Be­rufs­schu­le RBZ-Tech­nik in Kiel be­su­chen die Lehr­lin­ge im ers­ten Lehr­jahr an ein bis zwei Tagen wö­chent­lich und spä­ter alle ein bis zwei Mo­na­te zum zwei­wö­chi­gen Block­un­ter­richt in der Walt­her-Lehm­kuhl­schu­le in Neu­müns­ter. Die über­be­trieb­li­che Aus­bil­dung, in der die Be­die­nung der CNC-Ma­schi­nen im Vor­der­grund steht, fin­det an der Be­rufs­bil­dungs­stät­te Lü­beck-Tra­ve­mün­de, einer In­sti­tu­ti­on der Hand­werks­kam­mer Lü­beck, statt. Ab dem drit­ten Lehr­jahr pro­gram­mie­ren und be­die­nen die Lehr­lin­ge dann auch die hoch­prä­zi­sen CNC-Ma­schi­nen (Com­pu­te­ri­zed Nu­me­ri­cal Con­t­rol).

König und Heyda schät­zen rück­bli­ckend ins­be­son­de­re das kol­le­gia­le Mit­ein­an­der in der Zen­tral­werk­statt sowie die in­di­vi­du­el­le Be­treu­ung im klei­nen Team durch den Meis­ter und die Ge­sel­len. Den grö­ß­ten Vor­teil ge­gen­über ihren Mit­schü­ler*innen in der Be­rufs­schu­le sehen sie darin, dass sie sich auf das Ler­nen kon­zen­trie­ren konn­ten: „Wir konn­ten wirk­lich in Ruhe üben, da wir kei­nen wirt­schaft­li­chen Druck hat­ten, wie es in den meis­ten Be­trie­ben der Fall ist“, sagt König, der sich mit einem Fach­ab­itur auf die Aus­bil­dung be­wor­ben hatte. „So konn­ten wir die Dinge wirk­lich ver­ste­hen und uns Hin­ter­grund­wis­sen an­eig­nen. Auch Feh­ler zu ma­chen und dar­aus zu ler­nen ge­hör­te ganz selbst­ver­ständ­lich dazu“, er­gänzt Heyda. Der 25-Jäh­ri­ge hat nach sei­nem Re­al­schul­ab­schluss be­reits eine kauf­män­ni­sche Aus­bil­dung im Ein­zel­han­del ab­sol­viert und woll­te sich mit der hand­werk­li­chen Lehre noch brei­ter auf­stel­len.

Dass es sich lohnt, nicht al­lein auf Schnel­lig­keit, son­dern viel­mehr auf Sorg­falt und in­di­vi­du­el­le För­de­rung zu set­zen, zei­gen die Best­no­ten zahl­rei­cher Ab­sol­vent*innen: Die Zen­tral­werk­statt hat be­reits meh­re­re Lan­des­sie­ger*innen im Ver­gleich der Fein­werk­me­cha­ni­ker*innen in Schles­wig-Hol­stein her­vor­ge­bracht. „Gleich­zei­tig freut es mich per­sön­lich, wenn Lehr­lin­ge mit Best­no­ten, die ihre Lehre ver­kür­zen könn­ten, den­noch die ge­sam­te Zeit bei uns blei­ben, weil sie so viel wie mög­lich mit­neh­men möch­ten und sich so noch wei­te­res Wis­sen an­eig­nen möch­ten“, sagt Möl­ler.

Vier Männer stehen in einer Werkstatt vor Maschinen und schauen lächelnd in die Kamera©A. Die­köt­ter
Für die Aus­bil­dung ihrer Lehr­lin­ge an den Ma­schi­nen neh­men sich Werk­statt­lei­ter Det­lef Möl­ler (l.) und Meis­ter Felix Rö­ß­ger (2. v. l.) viel Zeit.

Zwei­mal konn­ten Lehr­lin­ge dar­über hin­aus den zwei­ten Platz beim Bun­des­wett­be­werb be­le­gen, zu dem alle Lan­des­sie­ger*innen ein­ge­la­den wer­den. Felix Rö­ß­ger, der 2019 seine Aus­bil­dung ab­ge­schlos­sen hat und zwei­ter Bun­des­sie­ger wurde, blieb der Zen­tral­werk­statt an­schlie­ßend treu. Dank fi­nan­zi­el­ler Un­ter­stüt­zung durch die FH Kiel konn­te er sich noch wei­ter qua­li­fi­zie­ren und die Meis­ter­schu­le be­su­chen. Als Fein­werk­me­cha­ni­ker­meis­ter darf der 32-Jäh­ri­ge nun auch Nach­wuchs­kräf­te aus­bil­den – und könn­te somit Möl­lers Nach­fol­ge an­tre­ten, wenn sich der 65-Jäh­ri­ge in den Ru­he­stand ver­ab­schie­det.

Auch bei Un­ter­neh­men hat die hand­werk­li­che Lehre in der Zen­tral­werk­statt der FH Kiel einen guten Ruf: „Fir­men aus der Re­gi­on schrei­ben uns an und er­kun­di­gen sich nach Nach­wuchs­kräf­ten. Ehe­ma­li­ge Lehr­lin­ge ar­bei­ten zum Bei­spiel bei der Buch­holz Hy­drau­lik GmbH, der Stry­ker Trau­ma GmbH oder bei Dan­fo­ss A/S“, sagt Möl­ler. An­de­re ent­schei­den sich nach der Lehre für ein Stu­di­um, zum Bei­spiel am Fach­be­reich Ma­schi­nen­we­sen. „Die Aus­bil­dung als Basis er­leich­tert das Stu­di­um, und die Stu­die­ren­den pro­fi­tie­ren von ihrem Hin­ter­grund­wis­sen und der Pra­xis“, be­schreibt Möl­ler.

Ein vor­herr­schen­des Thema im Hand­werk ist die Her­aus­for­de­rung des Nach­wuchs- und Fach­kräf­te­man­gels. Auch in der Zen­tral­werk­statt ist die Ent­wick­lung zu spü­ren: „Frü­her hat­ten wir bis zu 75 Be­wer­bun­gen – heute sind es nur noch eine Hand­voll“, gibt Möl­ler zu Be­den­ken. Mit Blick auf die kom­men­den Jahre wünscht sich der Werk­statt­lei­ter daher wie­der mehr Be­wer­ber*innen auf die Aus­bil­dungs­plät­ze zur/ zum Fein­werk­me­cha­ni­ker*in. Neben einem guten Ers­ten all­ge­mein­bil­den­den Schul­ab­schluss (ESA) oder idea­ler­wei­se einem Mitt­le­ren Schul­ab­schluss (MSA) soll­ten In­ter­es­sier­te ein grund­le­gen­des ma­the­ma­ti­sches und tech­ni­sches Ver­ständ­nis sowie ein gutes Vor­stel­lungs­ver­mö­gen und In­ter­es­se für Me­tall­be­ar­bei­tung mit­brin­gen. Das Ge­schlecht der Lehr­lin­ge spielt keine Rolle. „In den ver­gan­ge­nen Jah­ren haben viele weib­li­che Lehr­lin­ge er­folg­reich ihre Aus­bil­dung bei uns ab­ge­schlos­sen, und das Vor­ur­teil, dass nur männ­li­che Lehr­lin­ge Fein­werk­me­cha­ni­ker wer­den kön­nen, ist längst über­holt“, be­tont Möl­ler.

Damit sich die Stu­die­ren­den an der FH Kiel auch in Zu­kunft auf die Ar­beit der Zen­tral­werk­statt ver­las­sen kön­nen, ist das Team um Det­lef Möl­ler ak­tu­ell wie­der auf der Suche nach Un­ter­stüt­zung. Wer Lust hat, zum 1. Sep­tem­ber 2023 eine hand­werk­li­che Lehre zum/ zur Fein­werk­me­cha­ni­ker*in zu be­gin­nen, kann sich bis zum 20. März be­wer­ben. Alle In­for­ma­tio­nen gibt es in der aus­führ­li­chen Stel­len­aus­schrei­bung

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