zwei Männer stehen an einem Roll-up © L. Gehde
Tjark Ziehm (li.) und Marc Wejda im Start­Up-Of­fice der FH Kiel.

Nach­hal­ti­ge Res­sour­ce: Bal­tic Ma­te­ri­als wäscht und ver­mark­tet See­gras

von Leon Gehde

Bis­her wird an­ge­spül­tes See­gras ton­nen­wei­se als Bio-Müll ent­sorgt. Das will ein Start-up mit FH-Back­ground än­dern.

„Al­lein in der Eckern­för­der Bucht wer­den jähr­lich etwa 2.000 Ton­nen Schwemm­gut, haupt­säch­lich be­stehend aus See­gras, an­ge­spült“, er­klärt Tjark Ziehm. In der Som­mer­sai­son wür­den die Stadt­wer­ke die grüne Bio­mas­se von den Strän­den ent­fer­nen und kos­ten­in­ten­siv ent­sor­gen. Vor etwa einem Jahr dach­ten sich FH-Stu­dent Ziehm und sein Kom­pa­gnon Marc Wejda: „Aus so einem gut ver­füg­ba­ren Na­tur­ma­te­ri­al muss man mehr ma­chen!“ Schlie­ß­lich habe „See­gras tolle Ei­gen­schaf­ten und eine hohe Nutz­bar­keit als Dämm­ma­te­ri­al bis hin zur Ver­wen­dung in der Kos­me­tik“, sagt Ziehm. Wejda gilt dabei als ur­sprüng­li­cher Ide­en­ge­ber - er be­schäf­tig­te sich schon wäh­rend sei­nes Stu­di­ums zum In­dus­trie­de­si­gner mit See­gras.

Das Pro­blem: Am Strand an­ge­spül­tes See­gras ver­mengt sich mit an­de­ren Ma­te­ria­li­en wie Sand und Algen. Die Be­stand­tei­le müs­sen erst in auf­wen­di­gen Rei­ni­gungs­ver­fah­ren von­ein­an­der ge­trennt wer­den, was sich laut Ziehm bis­her nicht lohne. „In Dä­ne­mark zum Bei­spiel, darf man das See­gras, an­ders als in Deutsch­land, di­rekt im ‚sau­be­rem‘ Zu­stand aus dem Meer fi­schen“, so In­for­ma­tik-Stu­dent Ziehm. Dort habe sich das Ma­te­ri­al be­reits in allen mög­li­chen Be­rei­chen eta­bliert. „Wer je­doch ak­tu­ell dä­ni­sche Pro­duk­te aus See­gras be­stel­len möch­te, wird mer­ken, dass der ganze Markt leer­ge­kauft ist“, führt Ziehm fort.

ein Häufchen Seegras©L. Gehde
See­gras (Zos­te­ra ma­ri­na) im ge­wa­sche­nen und ge­trock­ne­ten Zu­stand.

Markt­po­ten­ti­al scheint also vor­han­den zu sein. Ziehm und Wejda, die sich im Sep­tem­ber 2021 bei der Ocean Re-CREA­TI­ON Chal­len­ge im Trans­Mar­Tech in Kiel ken­nen­lern­ten, ent­schlos­sen sich, ein neues Ver­fah­ren und eine ent­spre­chen­de An­la­ge zu ent­wi­ckeln. „Wir woll­ten in der Lage sein, See­gras in gro­ßen Men­gen zu ge­rin­gen Kos­ten wa­schen zu kön­nen“, so Wejda. Die Fach­hoch­schu­le Kiel stell­te Bü­ro­räum­lich­kei­ten des Start­Up-Of­fice auf dem See­fisch­markt zur Ver­fü­gung, und die bei­den be­gan­nen dort mit der Kon­zep­ti­on.

Nun, im No­vem­ber 2022, sind sie op­ti­mis­tisch, den Pro­to­ty­pen noch die­sen Monat fer­tig­zu­stel­len. Die An­la­ge be­steht aus zwei Stu­fen. Die erste Stufe ist eine sie­ben Meter lange Wasch­trom­mel, wo die Bio­mas­se durch Spü­len mit Re­gen­was­ser von Sand be­freit wird, der in einem Be­hält­nis auf­ge­fan­gen wird. Ziehm er­klärt: „Der Sand wird aus Küs­ten­schutz­grün­den am nächs­ten Tag an die Kom­mu­nen der Ent­nah­me-Strän­de zu­rück­ge­ge­ben.“ An­schlie­ßend geht es auf einem För­der­band in die zwei­te Stufe. Dort sucht eine KI mit op­ti­schen Sen­so­ren nach allem, was nicht See­gras ist, und sor­tiert das mit­hil­fe von 900 Mal die Mi­nu­te zu­grei­fen­den Ro­bo­tik-Armen aus.

„Das ge­rei­nig­te See­gras wird in Con­tai­nern ohne zu­sätz­li­chen En­er­gie­be­darf son­nen­ge­trock­net“, so Ziehm. Die aus­sor­tier­te Masse könne in einer Bio­gas­an­la­ge zu­sätz­lich En­er­gie er­zeu­gen. In­stal­liert wer­den soll die An­la­ge auf der Co-Working-Flä­che Strand­fa­brik in Kiel-Fried­rich­sort, die Pro­duk­ti­on soll spä­tes­tens im März 2023 be­gin­nen. „Wir müs­sen noch Bag­ger, Lkw und Tro­cken­con­tai­ner an­schaf­fen, was na­tür­lich wei­te­ren Fi­nanz­be­darf mit sich bringt“, sagt Ziehm und führt fort: „Ak­tu­ell hof­fen wir auf eine För­de­rung durch die Bun­des­agen­tur für Sprung­in­no­va­tio­nen.“

Ziehm und Wejda sind stolz auf ihr Pro­jekt und freu­en sich auf die In­be­trieb­nah­me ihrer In­no­va­ti­on: „Selbst in der Fa­mi­lie wurde un­se­re Idee an­fäng­lich als Spin­ne­rei ab­ge­tan – nun zeigt sich, dass sie durch­aus rea­les Po­ten­zi­al hat. Die ers­ten An­fra­gen von Kun­den lie­gen be­reits vor.“

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