Doris Weßels© M. Pilch

Mensch und Ma­schi­ne als Au­to­ren­team?

von Joa­chim Kläschen

Doris We­ßels ist Pro­fes­so­rin für Wirt­schafts­in­for­ma­tik am Fach­be­reich Wirt­schaft der Fach­hoch­schu­le Kiel und er­forscht unter an­de­rem die Aus­wir­kun­gen, die Künst­li­che In­tel­li­genz (KI) auf ver­schie­de­ne Le­bens­be­rei­che haben kann. Im Ge­spräch mit der Cam­pus­re­dak­ti­on spricht Prof. Dr. We­ßels über KI-ge­stütz­tes Pu­bli­zie­ren.

Frau We­ßels, KI kann mitt­ler­wei­le nicht nur Texte über­set­zen, son­dern auch ei­ge­ne Texte er­stel­len. Wie konn­te es dazu kom­men?

Diese Ent­wick­lung ist ma­ß­geb­lich der ka­li­for­ni­schen Or­ga­ni­sa­ti­on „Open­AI“ mit Sitz in Kiels Part­ner­stadt San Fran­cis­co zu ver­dan­ken, die im Jahr 2019 das Sprach­mo­dell „GPT-2“ und im Fol­ge­jahr das deut­lich kom­ple­xe­re und zu­gleich leis­tungs­stär­ke­re Sprach­mo­dell „GPT-3“ ver­öf­fent­licht hat, das einen wei­te­ren Quan­ten­sprung dar­stellt. Im Hin­ter­grund gab es sehr nam­haf­te Spon­so­ren, die ein sol­ches Mo­dell erst er­mög­licht haben. Hier­zu zähl­ten unter an­de­rem Elon Musk, der Grün­der von Tesla, und Mi­cro­soft, das neu­er­dings sogar über eine Ex­klu­siv­li­zenz und den Zu­gang zum Quell­code ver­fügt.

Wel­che sinn­vol­len Ein­satz­mög­lich­kei­ten sehen Sie für KI bei der Text­pro­duk­ti­on?

Die Frage ist schwie­rig zu be­ant­wor­ten, wenn der Fokus nicht auf die Viel­falt der Ein­satz­mög­lich­kei­ten, son­dern pri­mär auf die Sinn­haf­tig­keit ge­rich­tet ist. Grund­sätz­lich sind die Ein­satz­ge­bie­te na­he­zu un­be­grenzt und er­stre­cken sich schon heute von KI-pro­du­zier­ten Fach­bü­chern bis hin zu KI-ge­ne­rier­ten Fi­nanz­nach­rich­ten, bei denen in quasi „Echt­zeit“ spe­zia­li­sier­te KI-Bots für uns Fi­nanz­nach­rich­ten ge­ne­rie­ren und damit ein­her­ge­hend auch be­lie­bi­ge Tur­bu­len­zen auf den Fi­nanz­märk­ten ver­ur­sa­chen kön­nen – ins­be­son­de­re dann, wenn dort nur noch Fi­nanz-Bots un­ter­wegs sind. Die KI-ge­stütz­te Pro­duk­ti­on von Sport- und Wet­ter-Nach­rich­ten ist ver­gli­chen damit fast ri­si­ko­arm, aber auch hier sind Ge­fah­ren er­kenn­bar.

Selbst in der Bel­le­tris­tik stel­len sich zu­min­dest per­spek­ti­visch (neue) Fra­gen: Wol­len wir zu­künf­tig Un­ter­hal­tungs­li­te­ra­tur lesen, die ein Schreib-Bot in­di­vi­du­ell für uns und ganz nach un­se­rem ver­meint­li­chen Ge­schmack er­stellt hat? Letzt­lich wäre die­ser Schritt nur die Fort­füh­rung des per­so­na­li­sier­ten Con­tents, den wir be­reits heute tag­täg­lich bei­spiels­wei­se bei Goog­le und Face­book er­le­ben. Der Be­griff des „Li­quid Con­tent“ im On­line-Mar­ke­ting trifft den Kern sehr gut. Es geht darum, den In­halt der Web­site mög­lichst fle­xi­bel auf die Be­su­cher der Web­site aus­zu­rich­ten und für die Mar­ke­ting- und Ver­triebs­zie­le des An­bie­ters zu op­ti­mie­ren. Das be­deu­tet, dass wir als Kon­su­men­ten auf der Web­site ganz un­ter­schied­li­che Texte, Bil­der und mul­ti­me­dia­le Ob­jek­te sehen. Die Me­di­en­wis­sen­schaf­ten be­schäf­ti­gen sich schon seit zehn Jah­ren mit den Aus­wir­kun­gen die­ser per­so­na­li­sier­ten di­gi­ta­len Fil­ter­bla­sen.

Sehen Sie Ri­si­ken oder Ge­fah­ren für den miss­bräuch­li­chen Ein­satz von KI für die Text­pro­duk­ti­on, ins­be­son­de­re im Hoch­schul­um­feld?

Jede Tech­no­lo­gie birgt das Ri­si­ko, dass sie in po­si­ti­ver und ne­ga­ti­ver Form ein­ge­setzt wer­den kann, wobei diese Be­wer­tung na­tur­ge­mäß sehr kon­text­ab­hän­gig und zu­gleich sub­jek­tiv ist. Aus die­sem Grund rü­cken ethi­sche As­pek­te des Ein­sat­zes von KI immer mehr ins Be­wusst­sein. Das hat mich auch ma­ß­geb­lich zu mei­nem Mas­ter­mo­dul „KI und Ethik“ ver­an­lasst, das ich seit dem letz­ten Se­mes­ter hier im Fach­be­reich Wirt­schaft an der FH Kiel an­bie­te. Fas­zi­nie­rend und er­schre­ckend zu­gleich ist die Viel­falt der Fra­gen­stel­lun­gen, die wir beim „Ab­tau­chen“ in das Nut­zungs­po­ten­zi­al von KI-Tech­no­lo­gi­en in die­sem Modul ge­mein­sam iden­ti­fi­zie­ren und the­ma­ti­sie­ren.

In einem Blog­bei­trag für die Ge­sell­schaft für In­for­ma­tik (KI) setze ich mich mit den Qua­li­täts­an­for­de­run­gen der KI-ge­stütz­ten Text­pro­duk­ti­on vom Co-Au­to­ren­team Mensch und Ma­schi­ne in der Wis­sen­schaft aus­ein­an­der und the­ma­ti­sie­re das fol­gen­de Pro­blem: Als Ge­sell­schaft er­war­ten wir von Wis­sen­schaft­ler*innen, dass sie ethisch-ver­ant­wort­lich han­deln und die Grund­wer­te guter wis­sen­schaft­li­cher Pra­xis ein­hal­ten. Hier­zu zäh­len die vier Werte Zu­ver­läs­sig­keit, Ehr­lich­keit, Re­spekt und Re­chen­schafts­pflicht. Be­trach­ten wir die von mensch­li­chen Au­to­rin­nen und Au­to­ren ge­steu­er­te KI-Text­pro­duk­ti­on als ein so­zio­tech­ni­sches „Soft­ware­sys­tem“, zeigt sich je­doch beim Ab­gleich mit den er­wähn­ten vier Grund­wer­ten, dass frü­he­re Qua­li­täts­nor­men für der­ar­ti­ge Sys­te­me nicht mehr pas­sen. Die KI sprengt quasi deren Struk­tur und dort herrscht nun ein drin­gen­der Hand­lungs- be­zie­hungs­wei­se An­pas­sungs­be­darf.

Wie sehen Sie künf­tig das Zu­sam­men­spiel vom Mensch und Ma­schi­ne bei der Text­pro­duk­ti­on?

Ich bin mir sehr si­cher, dass wir in ab­seh­ba­rer Zeit Schreib-Bots sehen, be­zie­hungs­wei­se von ihnen lesen wer­den. Wenn wir uns An­bie­ter wie bei­spiels­wei­se „Gram­mar­ly“ an­schau­en, dann be­zeich­nen sie sich schon heute als „AI-Powered Wri­ting As­sistant“. In der wei­te­ren Ent­wick­lung wer­den wir mäch­ti­ge KI-ge­stütz­te Soft­ware­lö­sun­gen für den Schreib­pro­zess er­le­ben, die uns als um­fas­sen­de di­gi­ta­le Schreib­as­sis­ten­ten die­nen wer­den. Wir wer­den sie in ähn­li­cher Weise nut­zen, wie wir heute be­reits mit grö­ß­ter Selbst­ver­ständ­lich­keit die viel­fäl­ti­gen Funk­tio­nen wie bei­spiels­wei­se Kor­rek­tur­hil­fen von Text­ver­ar­bei­tungs­sys­te­men nut­zen. Dabei ent­steht eine neue Co-Au­to­ren­schaft mit einem vir­tu­el­len (und mit der Zeit immer leis­tungs­stär­ke­ren) Schreib­part­ner an un­se­rer Seite, den wir ver­mut­lich nicht als „ex­tern“ wahr­neh­men, son­dern als einen in­te­gra­len Bau­stein un­se­res Schreib­pro­zes­ses. Aus ur­he­ber­recht­li­cher Per­spek­ti­ve las­sen sich un­zäh­li­ge Fra­gen for­mu­lie­ren, aber es feh­len die Ant­wor­ten. Und die Zeit drängt!

Die an­ge­spro­che­ne aus­führ­li­che Aus­ein­an­der­set­zung von Prof. Dr. We­ßels mit dem Thema „KI ge­stütz­te Text­pro­duk­ti­on“ fin­den In­ter­es­sier­te auf den Sei­ten der Ge­sell­schaft für In­for­ma­tik.

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