Ein Mann und eine Frau© Bax­mann

Meet the Lo­cals - über bel­gi­sche Stu­den­ten und was sie von ihrem Land hal­ten

von Ju­lia­ne Bax­mann

Wenn man Eras­mus Stu­den­ten nach ihrem Aus­lands­auf­ent­halt, fragt, ob sie denn auch „Lo­cals“ – also Stu­den­ten aus dem je­wei­li­gen Land, in dem sie stu­die­ren, ken­nen­ge­lernt haben, dann lau­tet die Ant­wort lei­der meis­tens: Nein. Denn die be­rühmt be­rüch­tig­te „Eras­mus Bubble“ scheint es wirk­lich zu geben. Auch ich muss­te fest­stel­len, dass es eher schwie­rig ist, Bel­gi­er ken­nen­zu­ler­nen, und das liegt haupt­säch­lich an zwei Din­gen.

1. Die meis­ten Ver­an­stal­tun­gen, die von der Hoch­schu­le für die aus­län­di­schen Stu­den­ten or­ga­ni­siert wer­den, sind auch wirk­lich nur für Eras­mus-Stu­di­ren­de in­ter­es­sant. Seien es Städ­te Trips, Kenn­lern­aben­de oder Sprach­aus­tausch. All das ist für die ein­hei­mi­schen Stu­dent*innen eher we­ni­ger von Be­lang.

2. Eras­mus be­deu­tet in den meis­ten Fäl­len: Man ver­bringt ein Se­mes­ter – also eine ab­seh­ba­re Zeit – in einem an­de­ren (meis­tens frem­den) Land. Das be­deu­tet, dass es schwie­rig ist ,sich hier einen kon­stan­ten Freun­des­kreis auf­zu­bau­en, al­lein schon, weil die meis­ten Eras­mus-Stu­den­ten wäh­rend ihres Auf­ent­halts in einem neuen Land auch so viel wie nur mög­lich von dem je­wei­li­gen Land sehen wol­len. Das heißt also viel rei­sen, viel sehen und wenig Zeit. Denn die Uni soll ja auch nicht zu kurz kom­men. Dazu kommt dann noch der Be­such aus der Hei­mat, die Freun­de und die Fa­mi­lie wol­len ja auch wis­sen, wo man sei­nen All­tag ver­bringt

In Bel­gi­en kommt dann noch dazu, dass es ganz nor­mal ist, am Wo­chen­en­de zur Fa­mi­lie aufs Land oder in die Hei­mat­stadt zu fah­ren. Die we­nigs­ten blei­ben län­ger als nötig in ihrer Stu­den­ten-WG.

Vor allem weil mir eben genau die­ser Kon­takt zu den bel­gi­schen Stu­den­ten fehlt, mach­te ich mich auf den Weg, um Sie ein­fach mal zu fra­gen:

Was hal­tet ihr ei­gent­lich von eurem Land? Wie fin­det ihr eure Hoch­schu­le? Und wür­det ihr lie­ber in einer an­de­ren Stadt als Ant­wer­pen woh­nen? Und: Gibt es Lieb­lings­or­te?

Mi­cha­el (23) und Jo­li­en (22) stu­die­ren Ge­sund­heits­ma­nage­ment im 4.​Semester:

„Das Bil­dungs­sys­tem ist schon ziem­lich gut, vor allem weil wir nicht viel für un­se­ren hohen Bil­dungs­stan­dard zah­len müs­sen und uns keine Ge­dan­ken über un­se­re Zu­kunft ma­chen müs­sen. Na­tür­lich könn­te es bes­ser sein, aber in wel­chem Land gibt es schon keine Pro­ble­me? Al­ler­dings muss man sagen, dass die Po­li­tik oft von Men­schen ge­macht wird, die ei­gent­lich gar nicht wis­sen, wor­über sie ent­schei­den und wie viel von ihren täg­li­chen Ent­schei­dun­gen ab­hängt. Oft wer­den Dinge be­schlos­sen, die im Nach­hin­ein kei­ner ver­steht, oder wich­ti­ge The­men wer­den ein­fach über­se­hen, und das ob­wohl wir so ein klei­nes Land sind.
Ant­wer­pen als Stadt ist ein­fach schön. Die Ge­bäu­de, die Parks, der Fluss. Au­ßer­dem hat es die per­fek­te Größe – es ist nicht zu klein, aber trotz­dem ist alles über­sicht­lich und leicht zu fin­den. Au­ßer­dem ist es als Stu­dent im Ver­gleich zu an­de­ren Gro­ß­städ­ten – re­la­tiv güns­tig, wenn man die rich­ti­gen Orte kennt. Zum Stu­die­ren wür­den wir alle wie­der­kom­men, und auch blei­ben. Lieb­lings­or­te gibt es daher viele, aber die Bars und Cafés, wel­che erst in dem Abend­stun­den ihren Charme ver­sprü­hen, ge­hö­ren auf jeden Fall zu un­se­ren Lieb­lings­or­ten der Stadt.“

Joni, 20, stu­diert im drit­ten Se­mes­ter Lehr­amt für Ge­schich­te und Nie­der­län­disch:

„Ich habe das Ge­fühl, Bel­gi­er haben keine wirk­li­che Mei­nung zum Rest der Welt. Wenn man uns mit an­de­ren Län­dern ver­gleicht, denke ich oft, dass etwas mehr Welt­of­fen­heit fehlt. Wir mögen es nicht, über per­sön­li­che Dinge zu spre­chen und ma­chen lie­ber gute Miene zum bösen Spiel, als offen zu sagen, dass uns etwas nicht passt. Ich weiß nicht, ob ich als Aus­län­der uns Bel­gi­er auf an­hieb sym­pa­thisch fin­den würde. Aber na­tür­lich ver­birgt sich mehr hin­ter un­se­rer Per­sön­lich­keit als unser Küh­les Auf­tre­ten. (lacht)

In Bezug auf die Hoch­schu­le bin ich wirk­lich zu­frie­den. Ich glau­be für das Bil­dungs­sys­tem hier in Bel­gi­en wird viel getan und in­ves­tiert. Unser Cam­pus hier ist sehr neu und mo­dern, und wir be­kom­men für wenig Geld sehr viele Mög­lich­kei­ten ge­bo­ten. Was ich auch sehr an der Karel de Grote Hoo­ge­school schät­ze ist das Ver­hält­nis zu den Do­zen­ten. Alles ist sehr fa­mi­li­är, und wir gehen auch mal ge­mein­sam einen Kaf­fee oder ein Bier trin­ken. Das macht das Ler­nen ent­spann­ter und an­ge­neh­mer.

Ant­wer­pen als Stu­den­ten­stadt ist für mich ein­fach ein Traum. Es ist ein wun­der­vol­ler Mix aus allem. Man hat Kul­tur, Kunst und un­end­lich viel zu ent­de­cken. Der Fluss, die vie­len Parks und na­tür­lich die vie­len Shop­ping­mög­lich­kei­ten, die sich hier auch bie­ten. Mein Lieb­lings­platz hier ist zum Bei­spiel das Fo­to­mu­se­um. Die Aus­stel­lun­gen sind super, und man kann es immer super mit einem Spa­zier­gang am Fluss ver­bin­den und da­nach noch einen Kaf­fee trin­ken gehen, davon gibt es hier in Ant­wer­pen zum Glück auch mehr als genug. Für mich gibt es keine bes­se­re Stadt, auch für meine Zu­kunfts­pla­nung. Ich blei­be gern in Ant­wer­pen.“

Auch ich finde nach die­sen Ge­sprä­chen, dass Bel­gi­er nach außen viel­leicht viel erns­ter und in­tro­ver­tier­ter wir­ken, als sie ei­gent­lich sind. Wie in jedem an­de­ren Land gilt also auch hier: wer nicht wagt, der nicht ge­winnt. Wenn man ein­fach offen auf die Men­schen und die Kul­tur zu­geht, dann er­schlie­ßen sich die Kon­tak­te meis­tens von ganz al­lein.

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