Zwei Männer© Pri­vat

„Küs­ten­schutz ist eine welt­wei­te Auf­ga­be“

von Len­nard Woro­bic

Wäh­rend die Sonne im In­ter­view mit Prof. Dr. Luczak im Mit­tel­punkt stand, wol­len wir nun das Ele­ment Was­ser näher be­trach­ten. Fach­mann auf die­sem Ge­biet ist Sven Lie­bisch, der am In­sti­tut für Bau­we­sen der FH Kiel als Pro­fes­sor für Was­ser­bau tätig ist. Ur­sprüng­lich kommt Lie­bisch aus Celle und ar­bei­te­te nach sei­nem Bau­in­ge­nieur­we­sen-Stu­di­um in der Trink­was­ser­ver­sor­gung. In einem wei­te­ren Stu­di­um in Han­no­ver kam er in Kon­takt mit sei­nem heu­ti­gen Fach­ge­biet, dem Küs­ten­in­ge­nieur­we­sen. Es folg­te die Pro­mo­ti­on an der TU Braun­schweig. Mit sei­ner Ar­beit und For­schung trägt der 42-Jäh­ri­ge dazu bei, dass die Küs­ten­re­gi­on Schles­wig-Hol­stein ihre Schön­heit be­hält. Wie jede*r per­sön­lich dazu etwas bei­tra­gen kann, warum der Küs­ten­schutz ein viel­fäl­ti­ger Be­reich ist und wel­che Auf­ga­ben der Kli­ma­wan­del uns stellt, er­klärt er­zählt Lie­bisch im In­ter­view mit der viel.-Re­dak­ti­on.

Herr Lie­bisch, Sie sind Pro­fes­sor für Was­ser­bau mit Küs­ten­schutz als Spe­zi­al­ge­biet. Wie set­zen sich diese Be­rei­che zu­sam­men?

Der Küs­ten­schutz ist ein Teil­ge­biet des all­ge­mei­nen Was­ser­baus, den man un­ter­tei­len kann in die Sied­lungs­was­ser­wirt­schaft – also Trink­was­ser­ver­sor­gung, Ab­was­ser­ent­sor­gung, Re­gen­was­ser­ma­nage­ment – , das Küs­ten­in­ge­nieur­we­sen und den klas­si­schen Bin­nen­was­ser­bau. Dazu ge­hört alles, was mit Bau­wer­ken in und an Flüs­sen bzw. Flie­ß­ge­wäs­sern zu tun hat. Im Prin­zip fängt der Küs­ten­was­ser­bau dort an, wo die Ge­wäs­ser ti­de­be­ein­flusst sind. Das gilt auch schon in den Mün­dungs­ge­bie­ten gro­ßer Flüs­se. Die Elbe ist zum Bei­spiel bis Ham­burg ti­de­be­ein­flusst und fällt daher schon in den Be­reich des Küs­ten­in­ge­nieur­we­sens, wel­ches folg­lich nicht nur klas­sisch an der ei­gent­li­chen Küste wich­tig ist. Der Be­reich ist also recht viel­fäl­tig: Es geht von Bau­wer­ken an der Küste – wie Dei­che, Ufer­be­fes­ti­gun­gen, Sohl­be­fes­ti­gun­gen – bis hin zu Se­di­ment [Sand]-Ma­nage­ment im Küs­ten­be­reich.

Wel­che Ent­wick­lun­gen hat es in den letz­ten Jah­ren im Küs­ten­schutz ge­ge­ben? Gibt es ak­tu­el­le Trends?

In den letz­ten Jah­ren gab es eine Art Pa­ra­dig­men­wech­sel im Küs­ten­in­ge­nieur­we­sen, und ei­gent­lich über­all im Was­ser­bau: Man ist vom Bauen in der Natur zum Bauen mit der Natur ge­kom­men. Der klas­si­sche Be­ton­was­ser­bau aus den 70er-80er Jah­ren wurde also durch Kon­zep­te, die sich der Natur an­pas­sen, er­setzt. Ein klas­si­sches Bei­spiel: Man gibt etwa in den Fluss­au­en den Ge­wäs­sern wie­der mehr Raum, um Über­schwem­mungs­flä­chen zu haben. Denn wenn man das Was­ser in der Flä­che zu­rück­hält, dann kann es un­ter­strom, wo es viel­leicht durch Städ­te muss, we­ni­ger ka­putt ma­chen. Ähn­lich ist es im Küs­ten­raum – da gibt es mitt­ler­wei­le ein gro­ßes Stich­wort, das sich „Buil­ding with Na­tu­re“ nennt. Es wird ver­sucht, Pol­der­flä­chen [nied­rig ge­le­ge­nes Ge­län­de] zu öff­nen, Dei­che zu­rück­zu­ver­le­gen und Salz­wie­sen wie­der an die Tide an­zu­schlie­ßen, weil diese Flach­was­ser­be­rei­che enorm wich­tig sind – zum Bei­spiel, um Wel­len­en­er­gie zu dämp­fen, die aufs Land trifft. Das ist ak­tu­ell der Trend im Küs­ten­in­ge­nieur­we­sen bzw. im Was­ser­bau, und auch im Be­reich der For­schung pas­siert viel. Die Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen aus den Nie­der­lan­den sind da ge­ra­de vorne weg, da sie sich na­tür­lich schon immer mit dem Küs­ten­was­ser­bau aus­ein­an­der­set­zen müs­sen. Sie ar­bei­ten etwa viel mit Strand­auf­spü­lun­gen vor der Küste. Ei­ni­ge ken­nen das viel­leicht von Sylt, wo man das jedes Jahr bzw. in re­la­tiv kur­zen Ab­stän­den immer wie­der macht, um dann Flach­was­ser­be­rei­che vor der ei­gent­li­chen Küste zu haben. Diese wer­den dann zwar nach ei­ni­ger Zeit wie­der ab­ge­spült, aber um die Küste zu schüt­zen ist das ei­gent­lich ein pro­ba­tes Mit­tel, an­statt alles zu be­fes­ti­gen. Das will na­tür­lich auch kein Tou­rist sehen – davon mal ab­ge­se­hen.

Wie ver­su­chen Sie Ihren Stu­die­ren­den die­sen span­nen­den Be­reich nä­her­zu­brin­gen und wel­che In­hal­te er­war­ten die jun­gen In­ge­nieur*innen?

Die Stu­die­ren­den ler­nen im Küs­ten­in­ge­nieur­we­sen erst ein­mal die gan­zen Pro­zes­se – wie sehen Wel­len aus und was ma­chen sie, wie funk­tio­niert Se­di­ment­trans­port, wie funk­tio­nie­ren Bau­wer­ke und Wel­len­dämp­fun­gen an Bau­wer­ken? Und na­tür­lich wird auch zu­neh­mend auf neue Va­ri­an­ten des Küs­ten­schut­zes ein­ge­gan­gen. Da sind im Mo­ment re­la­tiv viele Ideen und Mög­lich­kei­ten im Fluss (lacht). Aber an vie­len Stel­len wird man auch um den klas­si­schen Küs­ten­schutz nicht her­um­kom­men. Es gibt immer un­ter­schied­lichs­te In­ter­es­sens­grup­pen im Küs­ten­be­reich: Ob das Tou­rist*innen, An­woh­ner*innen, Na­tur­schüt­zer*innen, Was­ser­bau­er*innen sind – alle kom­men zu­sam­men. Das macht den Fach­be­reich ei­gent­lich auch so in­ter­es­sant, weil man immer in­ter­dis­zi­pli­när ar­bei­ten muss und ver­sucht, in ir­gend­ei­ner Form eine Ge­mein­sam­keit bzw. einen Kom­pro­miss zu fin­den. Wenn die Stu­die­ren­den in un­se­rem Ba­che­lor­stu­di­en­gang Was­ser­bau und Küs­ten­schutz wäh­len, be­kom­men sie schon sehr viel mit aus den was­ser­be­zo­ge­nen Fä­chern – deut­lich mehr als an an­de­ren Stand­or­ten. Das ist auf alle Fälle erst ein­mal gut für das Küs­ten­land Schles­wig-Hol­stein, dar­auf kann man, denke ich, auf­bau­en. Wir sind hier na­tür­lich mit dem Fach­be­reich Bau­in­ge­nieur­we­sen ge­ra­de am An­fang. Ich würde gerne, wenn un­se­re La­bo­re fer­tig sind, mit den Stu­die­ren­den deut­lich tie­fer in neue Mög­lich­kei­ten des Küs­ten­schut­zes ein­stei­gen. Zumal ich mich da­mals in mei­ner Dis­ser­ta­ti­on selbst mit al­ter­na­ti­ven Küs­ten­schutz­va­ri­an­ten be­schäf­tigt habe. Wor­auf ich auch Lust hätte: Ich weiß, dass es hier am Fach­be­reich Ma­schi­nen­bau schon ein Pro­jekt gibt, in dem es um die Ge­win­nung von Wel­len­en­er­gie geht. Dies­be­züg­lich be­stehen be­reits viele An­sät­ze, einen wirk­li­chen Durch­bruch in der Nut­zung der Wel­len­en­er­gie gibt es aber noch nicht. Wel­l­ener­gie ist ein­fach über­all vor­han­den auf der Welt, daher ist sie si­cher­lich eine Res­sour­ce, die es in Zu­kunft zu nut­zen gilt. Im Be­reich der grü­nen En­er­gie könn­te ich mir durch­aus vor­stel­len, in Zu­kunft mit dem Fach­be­reich Ma­schi­nen­bau zu ar­bei­ten.

Da sind wir schon beim nächs­ten Thema. Ich würde gerne von Ihnen wis­sen, in­wie­fern sich kurz­fris­ti­ge Hit­ze­wel­len und der fort­schrei­ten­de Kli­ma­wan­del auf den Küs­ten­schutz aus­wir­ken?

Lang­fris­tig merkt man vom Kli­ma­wan­del mehr, aber auch nach Hit­ze­wel­len zeich­nen sich ge­wis­se An­zei­chen ab. Sie wir­ken sich etwa auf die Öko­lo­gie in Küs­ten­ge­wäs­sern aus. Man hört öfter mal, dass es ein Blau­al­gen­wachs­tum gibt und Vi­brio­nen [Bak­te­ri­en­gat­tung] ver­mehrt im Was­ser vor­kom­men, so dass man­che Be­rei­che ge­sperrt wer­den. Ab einer ge­wis­sen Tem­pe­ra­tur tritt enor­mes Wachs­tum der Qual­len­po­pu­la­ti­on auf. Ich denke, sowas wer­den wir in Zu­kunft häu­fi­ger haben. Durch län­ge­re Pha­sen, in denen das Meer­was­ser wär­mer ist, wird es wahr­schein­lich vor­kom­men, dass man öfter mal mit einem ge­sperr­ten Strand­ab­schnitt rech­nen muss. Kaum ein an­de­rer Fach­be­reich ist so be­trof­fen vom Kli­ma­wan­del wie das Küs­ten­in­ge­nieur­we­sen. Die stei­gen­den Was­ser­spie­gel las­sen sich nicht weg­dis­ku­tie­ren, daher brau­chen wir für die Zu­kunft in­tel­li­gen­te Sys­te­me. Vor Kur­zem wurde zum Bei­spiel an der Nord­see­küs­te vom LKN (Lan­des­be­trieb für Küs­ten­schutz, Na­tio­nal­park und Mee­res­schutz des Lan­des Schles­wig-Hol­stein) ein in­ter­es­san­tes Pro­jekt um­ge­setzt: Der Kli­ma­schutz­deich. Die­ser bie­tet schon jetzt die Mög­lich­keit, auf even­tu­ell noch stär­ker an­stei­gen­de Was­ser­spie­gel zu re­agie­ren und zu­sätz­lich noch mehr auf den Deich drauf­zu­set­zen. Denn wir müs­sen ver­su­chen, auf den Kli­ma­wan­del zu re­agie­ren – ihn voll­stän­dig rück­gän­gig zu ma­chen, ist un­mög­lich. Auch wenn wir jetzt etwas tun, wird er sich bis zu einem ge­wis­sen Punkt noch fort­set­zen. Des­halb ist das Küs­ten­in­ge­nieur­we­sen bzw. der Küs­ten­schutz de­fi­ni­tiv ein Fach­be­reich für die Zu­kunft, weil un­glaub­lich viele Men­schen in die Küs­ten­räu­me kom­men. Man hat einen enor­men Sied­lungs­druck, muss aber gleich­zei­tig diese Be­rei­che un­be­dingt ent­spre­chend schüt­zen – schlie­ß­lich geht es um Men­schen­le­ben. Und das nicht nur in Deutsch­land, Küs­ten­schutz ist eine welt­wei­te Auf­ga­be.

In Bezug auf Trink­was­ser wird Ein­zel­per­so­nen ein spar­sa­mer Um­gang emp­foh­len. Wür­den Sie sagen, dass jede*r per­sön­lich auch etwas zum Küs­ten­schutz bei­tra­gen kann?

Klar, im Trink­was­ser­be­reich gibt es Vie­les, was man tun kann. Es fängt schon dabei an, sei­nen Rasen nicht un­be­dingt mit dem kost­ba­ren Trink­was­ser zu wäs­sern und statt­des­sen das aus der Re­gen­ton­ne zu nut­zen. Jedes Neu­bau­ge­biet muss mitt­ler­wei­le ein Re­gen­was­ser­ma­nage­ment auf­stel­len und an­ge­ben, was mit dem Re­gen­was­ser pas­siert. Im Küs­ten­be­reich gibt es auch viele Dinge, die Ein­zel­per­so­nen tun kön­nen. Ein Punkt, der mir auf alle Fälle auch sehr am Her­zen liegt, ist Plas­tik im Meer. Das ist wirk­lich auch für die Zu­kunft ein As­pekt, den man zu­sam­men mit den Ozea­no­graf*innen, Mee­res­for­scher*innen, Öko­log*innen, Bio­log*innen und auch den Küs­ten­in­ge­nieur*innen lösen muss. Da kann jede*r Ein­zel­ne in ir­gend­ei­ner Form etwas tun. Ich mache mich immer un­be­liebt am Strand, wenn ich die Leute an­spre­che, bitte nicht ihre Zi­ga­ret­ten­stum­mel in den Sand zu ste­cken, da der Fil­ter bei der nächs­ten Sturm­flut im Was­ser lan­det. Das macht auch tat­säch­lich schon einen rie­sen­gro­ßen An­teil des Mülls im Meer aus, dort schwim­men Mil­li­ar­den von die­sen Din­gern rum. Ein jun­ger Hol­län­der hat auch schon ein Sys­tem dafür ent­wi­ckelt, wel­ches al­ler­dings nur den schwim­men­den Müll auf­fängt, und nicht den, der ab­sinkt. Wer ein­mal die Bil­der vom Müll­stru­del im At­lan­tik oder im Pa­zi­fik ge­se­hen hat, fasst sich an den Kopf. Plas­tik gilt es am bes­ten schon Zu­hau­se zu ver­mei­den. Es braucht aber si­cher­lich auch Kon­zep­te von der In­dus­trie, denn man kann es oft­mals gar nicht um­ge­hen, Plas­tik zu kau­fen. Spe­zi­ell für den Küs­ten­schutz gilt es noch eines zu be­ach­ten: Bitte nicht über die Dünen lau­fen! Dü­nen­schutz ist Küs­ten­schutz. Tram­pel­pfa­de geben eine An­griffs­flä­che für Wind, sie zer­stö­ren somit die na­tür­li­che Küste.

Be­schäf­ti­gen Sie sich in Ihrer For­schung auch mit der Ver­schmut­zung der Meere?

Als Küs­ten­in­ge­nieu­re sind wir in die­sen Be­reich erst re­la­tiv spät ein­ge­stie­gen, zuvor war es immer nur ein öko­lo­gi­sches Thema. Wir schau­en uns eher Pro­zes­se, die dazu bei­tra­gen, an – etwa Mee­res­strö­mun­gen. Da könn­te es ir­gend­wann in­ter­es­sant wer­den. Es gibt ein paar In­seln, wo über­haupt keine Men­schen leben, die Strän­de aber kom­plett voll mit Plas­tik­müll sind. Da stellt sich na­tür­lich die Frage: Wie kommt das da hin? Was ma­chen die Wel­len mit dem Plas­tik am Strand? Der Müll wird zer­klei­nert und fin­det sich ir­gend­wann im Se­di­ment wie­der, was man als Küs­ten­in­ge­nieur de­fi­ni­tiv un­ter­su­chen könn­te. Be­son­ders die Nähe zur CAU und zum Geo­mar finde ich dies­be­züg­lich sehr in­ter­es­sant. Da die CAU kei­nen klas­si­schen Bau­in­ge­nieur­we­sen-Stu­di­en­gang hat, könn­te man das Know-how hier in Kiel zu­sam­men­füh­ren. Ich hätte große Lust, zu­sam­men mit der CAU und dem Geo­mar etwas Grö­ße­res auf­zu­bau­en und ge­mein­sam in die­sem Be­reich in­ter­dis­zi­pli­när zu for­schen.

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