Eine Frau© J. Kläschen

Ge­flüch­tet aus Sy­ri­en – Bushra Hasan ist nun in Kiel zu Hause

von Joa­chim Kläschen

Wenn sie an die Kind­heit und Ju­gend in ihrer sy­ri­schen Hei­mat­stadt al-Has­a­ka im Nord-Osten des Lan­des zu­rück­denkt, hat Bushra Hasan schö­ne Er­in­ne­run­gen. „Es war eine mit­tel­gro­ße Stadt, wir haben auf der Stra­ße ge­spielt und ich habe mich mit Freun­den ge­trof­fen. An mei­ner Schu­le habe ich sogar sie­ben Jahre im Bas­ket­ball-Team ge­spielt“, er­zählt die junge Frau mit den lan­gen schwar­zen Lo­cken. Doch mit dem Aus­bruch des Bür­ger­kriegs 2011 kipp­te auch in der Stadt mit sei­nen 180.000 Ein­woh­ner*innen die Stim­mung.

Trotz der wid­ri­gen Um­stän­de hielt Bushra an ihrem Traum fest und be­gann 2013 ein An­glis­tik-Stu­di­um in der sy­ri­schen Haupt­stadt Da­mas­kus. Hier zeig­ten sich Aus­wir­kun­gen des Bür­ger­kriegs noch dras­ti­scher. „Eines Tages“, er­in­nert sie sich, „muss­te ich an einem öf­fent­li­chen Platz mit­an­se­hen, wie eine junge um ihr Leben schrei­en­de Frau von den ISIS-Mi­li­zen an den Haa­ren in einen Klein­bus ge­zerrt und ver­schleppt wurde. Die Men­schen haben das fas­sungs­los und angst­er­füllt ver­folgt, weil kei­ner der nächs­te sein woll­te, der so ver­schwin­det.“

In den Se­mes­ter­fe­ri­en fuhr Bushra mit dem Bus acht Stun­den in ihren Hei­mat­ort, um ihre El­tern zu be­su­chen. Auch dort war die Si­tua­ti­on mitt­ler­wei­le es­ka­liert, die Ver­sor­gung mit Strom und Was­ser ab­ge­ris­sen. So groß die Freu­de über ihre Be­su­che war, sorg­ten sich ihr Vater und ihr Ver­lob­ter um sie. Vor allem, dass Bushra al­lein die auf­grund der zer­stör­ten Stra­ßen immer län­ger an­dau­ern­den Bus­fahr­ten un­ter­nahm, mach­te ihnen Sor­gen. Doch die junge Frau hielt wei­ter an ihrem Traum fest, eines Tages als Do­zen­tin an der Uni­ver­si­tät eng­li­sche Li­te­ra­tur zu un­ter­rich­ten.

Auf einer 20-stün­di­gen Rück­fahrt von al-Has­a­ka nach Da­mas­kus er­eig­ne­te sich ein Vor­fall, der ihr Leben für immer ver­än­der­te. „Als wir durch ein von ISIS be­setz­tes Ge­biet fuh­ren, stopp­ten Mi­li­zen den Bus. Män­ner stie­gen ein und ver­hör­ten die Rei­sen­den. Zum Glück hatte der Bus­fah­rer mir ein Tuch ge­ge­ben, mit dem ich mich schnell ver­schlei­ern konn­te. Sie frag­ten mich, ob ich eine Stu­den­tin sei und ich schüt­tel­te nur ängst­lich den Kopf.“ Bushra Hasan hatte Glück an die­sem Tag, denn man glaub­te ihr. Den­noch muss­te sie mit an­se­hen, wie mit­rei­sen­de junge Frau­en und Män­ner aus dem Bus ge­führt und mit den Mi­li­zio­nä­ren zu­rück­blei­ben muss­ten.

Als Bushra von dem Vor­fall er­zähl­te, war für ihren Ver­lob­ten end­gül­tig klar, dass sie sich in Sy­ri­en keine Zu­kunft auf­bau­en könn­ten. Da es für sie keine Mög­lich­kei­ten mehr gab, legal das Land zu ver­las­sen, ent­schied er sich zu Flucht – mit dem Ziel Bushra nach­zu­ho­len, so­bald er in Si­cher­heit war. „Es hat zehn Ver­su­che ge­braucht, bis mei­nem Ver­lob­ten die Flucht ge­langt“, er­in­nert sich Bushra. „Ich war so er­leich­tert, als er mich schlie­ß­lich nach einem Monat ohne Kon­takt im No­vem­ber 2014 aus Mün­chen an­rief. Unser Plan war es, dass er sich zu mei­nem Bru­der durch­schlägt, der 2013 zum Stu­di­um nach Kiel ge­kom­men war.“

Da an eine Fort­set­zung ihres Stu­di­ums nicht mehr zu den­ken war, nutz­te Bushra die Zeit in ihrer Hei­mat­stadt, um sich eh­ren­amt­lich zu en­ga­gie­ren, Kin­der zu be­treu­en und Eng­lisch-Un­ter­richt zu geben. „Ei­gent­lich woll­te ich mich auf meine Zu­kunft in Deutsch­land vor­be­rei­ten und die Spra­che ler­nen. Doch durch die Zer­stö­rung gab es keine Mög­lich­keit. An­de­ren zu hel­fen war daher die sinn­volls­te Mög­lich­keit, mich zu be­schäf­ti­gen“, er­in­nert sich die junge Frau. Doch durch die Be­stä­ti­gung fand sie schlie­ß­lich gro­ßen Ge­fal­len an ihrem eh­ren­amt­li­chen En­ga­ge­ment.

Im Rah­men der Fa­mi­li­en­zu­sam­men­füh­rung durf­te Bushra im Fe­bru­ar 2016 nach Deutsch­land ein­rei­sen. Nach zwei Jah­ren konn­te sie ihren Ver­lob­ten wie­der­se­hen und sich mit ihm eine neue Exis­tenz auf­bau­en. „Am zwei­ten Tag in Deutsch­land habe ich an­ge­fan­gen, mich um einen Sprach­kurs zu be­mü­hen“, er­in­nert sich Bushra, „aber es gab nur Ab­sa­gen. Der nächs­te Kurs wurde mir für den Ok­to­ber des Jah­res in Aus­sicht ge­stellt.“ Um keine Zeit zu ver­lie­ren, lern­te sie die Grund­la­gen der Spra­che mit Hilfe von You­Tube-Vi­de­os. „Als der Sprach­kurs end­lich los­ging, hatte ich die Gram­ma­tik schon weit­ge­hend ver­stan­den, aber meine Aus­spra­che war noch immer nicht gut genug. Den­noch hat mir diese Vor­be­rei­tung sehr ge­hol­fen“, blickt Bushra zu­rück.

In den Sprach- und In­te­gra­ti­ons­kur­sen, die sie be­sucht, lernt Bushra junge Frau­en ken­nen, die wie sie aus der sy­ri­schen Hei­mat ge­flüch­tet sind. „Wir haben uns viel mit­ein­an­der un­ter­hal­ten und dabei fest­ge­stellt, dass feh­len­de Sprach­kennt­nis­se viele daran hin­der­ten, hier Fuß zu fas­sen. Ich habe mich dann immer be­müht, als Dol­met­sche­rin zu hel­fen“, er­zählt Bushra. „Ich habe die Frau­en dann zu Be­hör­den be­glei­tet, beim Aus­fül­len von For­mu­la­ren ge­hol­fen und ihnen sogar Zim­mer in Wohn­ge­mein­schaf­ten ver­mit­telt. Ein deut­scher Satz, den ich von den Frau­en häu­fi­ger ge­hört habe war ‚Bushra, kannst Du bitte mal…‘“, lacht sie. „Aber ich habe das immer gerne getan.“

Der Dank und die An­er­ken­nung, die sie für ihr En­ga­ge­ment er­fährt, las­sen Bushra über ihre be­ruf­li­che Zu­kunft in Deutsch­land nach­den­ken: „An­statt eine aka­de­mi­sche Lauf­bahn zu ver­fol­gen, woll­te ich be­ruf­lich lie­ber etwas ma­chen, bei dem ich an­de­ren Men­schen hel­fen kann. Nach einem Be­ra­tungs­ge­spräch am In­ter­na­tio­nal Cen­ter der CAU habe ich mich dann ent­schlos­sen, dass ein Päd­ago­gik-Stu­di­um der rich­ti­ge Weg sei.“

Mit die­sem Ziel fo­kus­siert sich Bushra dar­auf, die letz­ten Hür­den aus dem Weg zu räu­men. Sie lässt ihren Schul­ab­schluss aus Sy­ri­en vom Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um an­er­ken­nen; ein wich­ti­ger Schritt in Rich­tung Hoch­schul­zu­gangs­be­rech­ti­gung. Sie ab­sol­viert von der Agen­tur für Ar­beit ver­ord­ne­te Maß­nah­men und büf­felt für Sprach­prü­fun­gen und den Ein­bür­ge­rungs­test. All das wäh­rend sie sich um ihre mitt­ler­wei­le vier Jahre alte Toch­ter küm­mert, die sie im Juni 2017 zur Welt brach­te.

„Es war nicht immer leicht, das Ler­nen und die Fa­mi­lie mit­ein­an­der zu ver­ein­ba­ren. Aber ich hatte mein Ziel fest vor Augen und mein Mann hat mich auf mei­nem Weg un­ter­stützt“, er­klärt Bushra. „Weil ich mich früh um einen Krip­pen­platz ge­küm­mert habe, konn­te ich mich jeden Tag von 8 bis 12 Uhr auf das Ler­nen fo­kus­sie­ren. Ich habe mich nicht ab­len­ken las­sen, Prio­ri­tä­ten ge­setzt und sehr struk­tu­riert ge­ar­bei­tet, sonst hätte ich das nicht ge­schafft.“ Im Juni 2020 ist der Weg schlie­ß­lich frei: Bushra hat die für das Stu­di­um er­for­der­li­chen Sprach­prü­fun­gen er­folg­reich be­stan­den. Ne­ben­bei hat sie den Füh­rer­schein ge­macht, zieht ihre Toch­ter groß und hilft Flücht­lin­gen aus ver­schie­de­nen Län­dern, in Deutsch­land Fuß zu fas­sen.

„Zur Si­cher­heit hatte ich mich an der CAU und an der FH Kiel be­wor­ben“, er­in­nert sich Bushra. „Ich war über­glück­lich, als ich dann im Sep­tem­ber 2020 die Nach­richt be­kom­men habe, dass ich an der FH ‚So­zia­le Ar­beit‘ stu­die­ren kann. Der Stu­di­en­start in der Co­ro­na-Zeit war al­ler­dings an­stren­gend und ich bin sehr froh, dass die Lehre jetzt wie­der in Prä­senz statt­fin­det“, zieht die junge Frau eine erste Bi­lanz. „Ich habe in den letz­ten Wo­chen viele neue Leute ken­nen­ge­lernt und der Aus­tausch mit an­de­ren sorgt dafür, dass mein Deutsch immer bes­ser wird. Worte und Re­de­wen­dun­gen, die ich noch nicht kenne, schrei­be ich mir auf und lerne sie.“

Bushra Hasan ist glück­lich, dass in Kiel ihr Traum von einem Stu­di­um end­lich in Er­fül­lung ge­gan­gen ist: „Ich fühle mich sehr wohl hier, und bin dank­bar, dass ich in Deutsch­land mit mei­ner Fa­mi­lie eine Per­spek­ti­ve er­hal­ten habe. Mitt­ler­wei­le sehe ich Deutsch­land auch als meine Hei­mat und schät­ze vor allem, wie si­cher es hier ist und dass jeder seine Mei­nung frei äu­ßern kann. Ich weiß aus Sy­ri­en, das bei­des nicht selbst­ver­ständ­lich und kost­bar ist.“

Zum Hin­ter­grund: Im No­vem­ber 2021 stu­die­ren an der FH Kiel 485 Bil­dungs­aus­län­der*innen, davon haben etwa 140 einen Flucht­hin­ter­grund. Die grö­ß­ten Grup­pen der Bil­dungs­aus­län­der*innen stel­len Stu­die­ren­de aus Sy­ri­en (74 Stu­die­ren­de), Ma­rok­ko (50 Stu­die­ren­de), In­di­en (40 Stu­die­ren­de) sowie China (39 Stu­die­ren­de) und Iran (30 Stu­die­ren­de) dar. Die meis­ten Stu­die­ren­den mit Flucht­hin­ter­grund stu­die­ren an den Fach­be­rei­chen In­for­ma­tik und Elek­tro­tech­nik sowie Wirt­schaft. Die erste An­lauf­stel­le für junge Men­schen mit Flucht­hin­ter­grund, die ein Stu­di­um an der FH Kiel be­gin­nen ist das In­ter­na­tio­nal Of­fice. Gerne berät das Team In­ter­es­sier­te und zeigt ihnen Mög­lich­kei­ten auf, ein Stu­di­um in Deutsch­land zu be­gin­nen.

© Fach­hoch­schu­le Kiel