eine Frau mit AR-Brille am Laptop© A. Die­köt­ter

FH Kiel Ju­gend­cam­pus: Hier wird Wis­sen­schaft er­leb­bar

von An­net­te Göder

Das ehe­ma­li­ge Café Pen­ne­kamp er­füllt einen neuen Zweck: Es wird zu einer Schnitt­stel­le zwi­schen FH Kiel und Schu­le. In dem Zen­trum wer­den Klas­sen in Emp­fang ge­nom­men und Work­shops für Schü­ler*innen und Leh­rer*innen ab­ge­hal­ten. Ein brei­tes Netz­werk sorgt für viel­fäl­ti­ge An­ge­bo­te.

Fle­xi­ble Ar­beits­um­ge­bung

Bis­lang war es so, dass die Klas­sen mit dem Bus am Cam­pus an­ka­men und dann nach den je­wei­li­gen Fach­be­rei­chen Aus­schau hiel­ten. Jetzt wer­den sie im neuen An­kunfts­zen­trum will­kom­men ge­hei­ßen. In meh­re­ren Be­rei­chen ste­hen Ob­jek­te zur In­ter­ak­ti­on be­reit. Per Smart­pho­ne kön­nen die Schü­ler*innen bei­spiels­wei­se ein Kunst­werk näher er­fas­sen, indem sie in eine kurze De­tek­tivsto­ry ein­tau­chen. Nach Be­grü­ßung und Vor­stel­lung des Ta­ges­pro­gramms wer­den die Jun­gen und Mäd­chen dann zum be­tref­fen­den In­sti­tut be­glei­tet, oder aber die Ver­an­stal­tung läuft di­rekt im neuen Zen­trum ab. Kon­zi­piert ist der Raum für eine Schul­klas­se, also etwa 30 Per­so­nen. Die Ar­beits­um­ge­bung kann fle­xi­bel für Vor­trä­ge oder Grup­pen­ar­beit ge­stal­tet wer­den, da die Stüh­le und Ti­sche mit ihren gro­ßen Ar­beits­flä­chen roll­bar sind. „Wir möch­ten auch Lehr­kräf­te an die­sen au­ßer­schu­li­schen Lern­ort ein­la­den, um sie über die FH zu in­for­mie­ren“, be­rich­tet Vi­ze­prä­si­dent Pro­fes­sor Dr.-Ing. Klaus Le­bert. „Bis­her haben man­che Fach­be­rei­che ei­ge­ne Kurse für Schü­ler*innen or­ga­ni­siert“, er­läu­tert Le­bert. „Jetzt bün­deln wir sie dank der Zen­tra­li­sie­rung.“

An­ge­spro­chen sind Schü­ler*innen der fünf­ten bis 13. Jahr­gangs­stu­fe. Die FH Kiel und Schu­len zie­hen an einem Strang, denn das ge­mein­sa­me An­lie­gen ist es, die MINT-Fä­cher zu stär­ken. In den Be­rei­chen Mathe, In­for­ma­tik, Na­tur­wis­sen­schaft und Tech­nik, die in die­sem Kanon ver­eint sind, steckt näm­lich noch viel Po­ten­zi­al. „Das In­ter­es­se an na­tur­wis­sen­schaft­lich-tech­ni­schen Zu­sam­men­hän­gen geht allzu oft ver­lo­ren, wenn Kin­der zu Ju­gend­li­chen wer­den“, heißt es im MINT-Ak­ti­ons­plan 2019 des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Bil­dung und For­schung. „Das liegt nicht nur, aber auch am Un­ter­richt, in dem häu­fig noch zu wenig der Bogen zu span­nen­den Fra­gen aus dem All­tag und zu prak­ti­schen An­wen­dun­gen ge­schla­gen wird.“ Au­ßer­schu­li­schen In­itia­ti­ven ge­lin­ge das häu­fig bes­ser, er­läu­tert der Be­richt.

Die Ver­bin­dun­gen zwi­schen Fach­hoch­schu­le und Schu­le gibt es schon län­ger. Seit 2008 neh­men zum Bei­spiel Klas­sen und Lehr­kräf­te am Pro­jekt „Ro­ber­ta“ teil, um klei­ne, fahr­ba­re Ro­bo­ter zu bauen und sie mit ein­fa­cher Pro­gram­mier­spra­che auf Kurs zu brin­gen. Seit 2018 ver­netzt sich die Fach­hoch­schu­le mit be­rufs­bil­den­den Schu­len und Be­rufs­bil­dungs­zen­tren. Ko­ope­ra­tio­nen gibt es unter an­de­rem mit ent­spre­chen­den Schu­len in Kiel, Neu­müns­ter und dem Kreis Stein­burg.

Ein Netz­werk für neue Ideen

Um her­aus­zu­fin­den, wel­che An­for­de­run­gen der Lehr­plan für die Klas­sen­stu­fen vor­sieht und wel­che Wün­sche Leh­rer*innen hin­sicht­lich einer Ko­ope­ra­ti­on mit der FH Kiel haben, sind Sa­bri­na Schön­feld, die das Hoch­schul­pro­jekt ko­or­di­niert, und ihr Team mit zahl­rei­chen Or­ga­ni­sa­tio­nen und Ein­rich­tun­gen in Ver­bin­dung ge­tre­ten. So hat sich ein Netz­werk ent­wi­ckelt, aus dem neue Ideen ent­sprin­gen. Ein An­knüp­fungs­punkt ist das Pro­gramm „Schu­le trifft Kul­tur“. Es bringt Kul­tur­schaf­fen­de, zum Bei­spiel Bild­hau­er*innen, Maler*innen, Schau­spie­ler*innen oder Fil­me­ma­cher*innen mit Schul­klas­sen zu­sam­men. In Work­shops wer­den dann Jun­gen und Mäd­chen, bei­spiels­wei­se in­ner­halb einer Pro­jekt­wo­che, aktiv. Für Kiel ko­or­di­niert dies Pro­gramm Dr. Beate Ken­ne­dy. Die Kreis­fach­be­ra­te­rin si­chert zu: „Wir hel­fen, dass das An­ge­bot der FH in Schu­len be­kann­ter wird.“ Sie ist fas­zi­niert von den „Me­di­en und der Ex­per­ti­se der Men­schen an der Fach­hoch­schu­le“, von denen Schu­len pro­fi­tie­ren könn­ten. Ken­ne­dy und ihre Kol­leg*innen sind über­zeugt, dass ein Bezug von Kul­tur zu MINT-Fä­chern eine wert­vol­le Be­rei­che­rung für den Un­ter­richt sein kann. Die Ko­or­di­na­tor*innen des Pro­gramms pla­nen für Leh­rer*innen ge­mein­sam mit dem IQSH (In­sti­tut für Qua­li­täts­ent­wick­lung an Schu­len Schles­wig-Hol­stein) und der FH eine Fort­bil­dungs­ver­an­stal­tung mit dem Titel „Kul­tu­rel­le Bil­dung für die MINT-Fä­cher“.

Eine Zu­sam­men­ar­beit gibt es nun auch mit dem Netz­werk „Ost­see­cam­pus“, das an der An­dre­as-Gayk-Schu­le in Kiel ver­or­tet ist. Es ver­bin­det die Be­rei­che „Was­ser­sport, Wis­sen­schaft und Mee­res­schutz“ und ist laut Da­ni­el Peter, Leh­rer der Schu­le, ein „Sam­mel­be­cken für ver­schie­de­ne An­ge­bo­te“. Schwer­punkt ist das Kie­ler Ost­ufer. Ins­ge­samt 13 Schu­len und eine Reihe von Or­ga­ni­sa­tio­nen sowie Ein­rich­tun­gen ste­hen dabei in Ver­bin­dung. Für Sep­tem­ber 2020 war zum Bei­spiel eine Bil­dungs­wo­che ge­plant, in deren Rah­men auch ein Be­such an der FH Kiel auf dem Pro­gramm stand. Die Schul­grup­pe woll­te im Me­di­en­dom einen Film zu Walen sehen. Co­ro­na­be­dingt ist die Bil­dungs­wo­che ver­scho­ben wor­den. „Au­ßer­schu­li­sches Ler­nen bleibt den Schü­lern be­son­ders nach­hal­tig im Ge­dächt­nis“, so die Er­fah­rung des Schul­lei­ters Rai­ner Peschties. Er wünscht sich auch eine Zu­sam­men­ar­beit des „Ost­see­cam­pus“ mit dem Fach­be­reich „So­zia­le Ar­beit und Ge­sund­heit“

Ein wei­te­res Pro­jekt sieht vor, dass Schü­ler*innen Pod­casts, Hör­spie­le oder Schul­ra­dio­sen­dun­gen pro­du­zie­ren. Hilfe brau­chen sie unter an­de­rem bei der An­wen­dung von Schnei­de­pro­gram­men. Und bei einem vier­ten Pro­jekt kön­nen im Grün­dungs­zen­trum der FH Schü­ler*innen-Fir­men von den Er­fah­run­gen stu­den­ti­scher Start-up-Un­ter­neh­mer*innen pro­fi­tie­ren. „Das Wich­tigs­te ist, für neu­gie­ri­ge und in­ter­es­sier­te Kin­der und Ju­gend­li­che Mög­lich­kei­ten zur Aus- und Wei­ter­bil­dung sicht­bar und greif­bar wer­den zu las­sen und sie mit Bil­dungs­an­ge­bo­ten zu un­ter­stüt­zen, so­dass ei­ge­ne Chan­cen, Per­spek­ti­ven und Mit­ge­stal­tungs­mög­lich­kei­ten er­kenn­bar wer­den“, sagt Schön­feld. Kri­ti­sches Den­ken, krea­ti­ves Han­deln und Spaß an der Sache soll­ten dabei im Mit­tel­punkt ste­hen.

Pro­jekt­ta­ge, Kurse, Vor­trä­ge, AGs

Re­gel­mä­ßig wird ein Pro­gramm mit Pro­jekt­ta­gen, Kur­sen, AGs und Im­puls­vor­trä­gen er­stellt, die an ver­schie­de­ne Fach­be­rei­che ge­bun­den sind. Viele An­ge­bo­te ste­hen be­reits fest: „Durch Wände schau­en“ heißt einer der Work­shops des In­sti­tuts für Bau­we­sen. Dabei geht es unter an­de­rem um die Fra­gen, aus wel­chen Be­stand­tei­len Bau­stof­fe be­stehen und mit wel­chen Ver­fah­ren sich Schä­den an Bau­wer­ken fest­stel­len las­sen. Ein an­de­res An­ge­bot geht dem Bau einer Stra­ße auf den Grund. Auch im Blitz­la­bor ist das Ziel der Leh­ren­den, dass der Funke auf die Schü­ler*innen über­springt. Ge­sprächs­stoff bie­ten zum Bei­spiel die Schil­der „Hoch­span­nung – Le­bens­ge­fahr“. Ge­mein­sam un­ter­nimmt die Grup­pe Ver­su­che zur Ent­la­dung von Span­nung und dis­ku­tiert dar­über, wie Ge­bäu­de und Wind­kraft­an­la­gen vor Blit­zen ge­schützt wer­den kön­nen.

„Er­neu­er­ba­re En­er­gi­en ent­de­cken“ lau­tet das Motto des Work­shops, der in der Ma­schi­nen­hal­le durch­ge­führt wird. An vier ver­schie­de­nen Ver­suchs­sta­tio­nen sind Mes­sun­gen und an­de­re Auf­ga­ben vor­ge­se­hen. Die En­er­gie­wen­de steht im Fokus, und ver­schie­de­ne Quel­len wie Wind und Sonne rü­cken ins Blick­feld. Unter dem Stich­wort „in­te­res­tIng!“ er­hal­ten Schü­ler*innen in einer Pro­jekt­wo­che einen Ein­blick in den Ar­beits­all­tag und die Be­rufs­welt von In­ge­nieur*innen. Zu­nächst be­kom­men die Teams einen Fir­men-Auf­trag mit einer tech­ni­schen Her­aus­for­de­rung. Dar­auf­hin sind sie ge­fragt, eine Lö­sung zu er­ar­bei­ten, wobei ihnen Do­zent*innen und Stu­die­ren­de zur Seite ste­hen.

„Wei­te­re Pro­jek­te sind in Vor­be­rei­tung“, er­läu­tert Schön­feld. „Dazu ge­hö­ren zum Bei­spiel die Un­ter­stüt­zung von Schü­ler*innen-Teams bei Wett­be­wer­ben wie Ju­gend forscht und die Aus­rich­tung des Wett­be­wer­bes der First Lego Le­ague.“ Bei die­sem Wett­streit ent­wi­ckeln klei­ne Grup­pen Lego-Mind­s­torms-Ro­bo­ter, die auf einem Spiel­feld Auf­ga­ben lösen müs­sen.

Der bunte Strauß an An­ge­bo­ten kann viele Be­dürf­nis­se er­fül­len. Aus dem neuen Zen­trum er­gibt sich so­zu­sa­gen eine „Win-Win-Win“-Si­tua­ti­on, denn Lehr­kräf­te be­kom­men An­re­gun­gen, Schü­ler*innen er­lan­gen Wis­sen, indem sie selbst aktiv wer­den und die FH er­hält noch mehr als zuvor die Mög­lich­keit, sich mit ihrer Ver­bin­dung von Theo­rie und Pra­xis zu prä­sen­tie­ren. Der Vi­ze­prä­si­dent be­schreibt das Ziel so: „Wir wol­len uns für Lehr­kräf­te und Schü­ler*innen noch mehr öff­nen, um Wis­sen­schaft er­leb­bar zu ma­chen und die große Band­brei­te der FH Kiel auf­zu­zei­gen.“

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