eine Frau auf einem Flur© A. Die­köt­ter
Wirt­schafts­in­for­ma­tik-Pro­fes­so­rin Dr. Doris We­ßels en­ga­giert sich für wei­te­re zwei Jahre an der Spit­ze der Di­WiSH.

Di­gi­ta­li­sie­rung: Fach­kräf­te­ge­win­nung braucht neue und kluge Kon­zep­te

von Su­san­ne Meise

Prof. Dr. Doris We­ßels wurde er­neut im Amt der stell­ver­tre­ten­den Vor­sit­zen­den des Ver­eins Di­gi­ta­le Wirt­schaft Schles­wig-Hol­stein (Di­WiSH) be­stä­tigt. Im In­ter­view blickt sie auf die Ar­beit des Ver­eins in den ver­gan­ge­nen 24 Mo­na­ten zu­rück und wagt einen Aus­blick in die nahe Zu­kunft.

Frau We­ßels, wie wür­den Sie die Ent­wick­lung der Di­WiSH in der zu­rück­lie­gen­den Amts­zeit be­schrei­ben?

Die Ent­wick­lung in den letz­ten bei­den Jah­ren ist aus mei­ner Sicht sehr po­si­tiv zu be­wer­ten. Wir konn­ten un­se­re Mit­glie­der­zahl (ak­tu­ell 245 Un­ter­neh­men und Or­ga­ni­sa­tio­nen aus SH) kon­ti­nu­ier­lich stei­gern und gel­ten als ein „Clus­ter mit Vor­bild­funk­ti­on“, so die Aus­sa­ge un­se­rer Staats­se­kre­tä­rin Julia Cars­tens aus dem Wirt­schafts­mi­nis­te­ri­um bei un­se­rer letz­ten Mit­glie­der­ver­samm­lung. Diese Aus­sa­ge hat uns na­tür­lich sehr ge­freut!

Konn­te die Di­gi­ta­li­sie­rung im Land wei­ter vor­an­ge­trie­ben wer­den?

Wir haben seit ei­ni­ger Zeit re­gel­mä­ßi­ge Aus­tausch­for­ma­te mit un­se­ren Mi­nis­te­ri­en im Land, so z.B. mit dem Di­gi­ta­li­sie­rungs-, Wirt­schafts- und Bil­dungs­mi­nis­te­ri­um. Wir ar­bei­ten auch mit an Kom­men­tie­run­gen zu Ge­set­zes- und Pro­gramm­ent­wür­fen und un­ter­stüt­zen auf diese Weise un­se­re Lan­des­re­gie­rung. Das ist ein Er­geb­nis un­se­rer zu­neh­men­den Sicht­bar­keit im Land und hat sich in den letz­ten Jah­ren durch die sehr en­ga­gier­te Ar­beit un­se­res Clus­ter­teams und der Di­WiSH-Vor­stän­de kon­ti­nu­ier­lich ver­bes­sert.

In­wie­weit hat Co­ro­na die Be­mü­hun­gen be­för­dert?

Co­ro­na war in der Tat ein wich­ti­ger Trei­ber für Di­gi­ta­li­sie­rung, hat zu­gleich aber auch den Fin­ger in die Wunde ge­legt bei vie­len Ver­säum­nis­sen aus der Ver­gan­gen­heit.  Wir wis­sen, dass wir in Deutsch­land die Auf­hol­jagd star­ten müs­sen. Die­sen Wil­len zur Ver­än­de­rung neh­men wir auch wahr, siehe die neue Task­force zur „Di­gi­ta­li­sie­rungs­be­schleu­ni­gung“ in SH. Von daher war die Co­ro­na-Krise auch eine große Chan­ce für die Zu­kunfts­fä­hig­keit von Wirt­schaft und Ge­sell­schaft und hat dar­über hin­aus den Bil­dungs­be­reich und di­gi­ta­le Lehr- und Lern­for­men ma­ß­geb­lich wei­ter­ent­wi­ckelt. Wir müs­sen al­ler­dings auf­pas­sen, den „Drive“ nicht zu ver­lie­ren.  

Wie be­wer­ten Sie den Stand der Di­gi­ta­li­sie­rung in Schles­wig-Hol­stein? Wo steht das Land zwi­schen den Mee­ren im Ver­gleich zu an­de­ren Bun­des­län­dern?

Die „Di­gi­ta­li­sie­rung“ in Summe für ein gan­zes Bun­des­land wie Schles­wig-Hol­stein zu be­wer­ten, fällt mir sehr schwer, weil Di­gi­ta­li­sie­rung wie eine Basis- oder auch Quer­schnitts­tech­no­lo­gie na­he­zu über­all mit ent­hal­ten ist. Was mich aber immer wie­der freut, ist zu sehen, mit wel­chem Elan un­se­re Lan­des­re­gie­rung und hier ins­be­son­de­re unser Di­gi­ta­li­sie­rungs­mi­nis­ter Dirk Schröd­ter, der zu­gleich unser Di­WiSH-Bei­rats­vor­sit­zen­der ist, das Thema mit sei­nem Team per­sön­lich vor­an­treibt und för­dert.

Was sind die grö­ß­ten Er­fol­ge in der jüngs­ten Zeit?

Wir haben im Be­reich der In­for­ma­tik­aus­bil­dung an Schu­len sicht­ba­re Fort­schrit­te er­zielt, ob­gleich wir hier mehr Tempo be­nö­ti­gen, und das meint ins­be­son­de­re die Stei­ge­rung der Ab­sol­vent*innen-Zahl aus dem Lehr­amts­stu­di­um der In­for­ma­tik, um qua­li­fi­zier­ten In­for­ma­tik­un­ter­richt an­bie­ten zu kön­nen.

Das Be­wusst­sein für die di­gi­ta­le Bil­dung in der Schul­welt in SH ist glück­li­cher­wei­se in den letz­ten Jah­ren deut­lich ge­stie­gen. Wir ver­dan­ken mei­ner Vor­stands­kol­le­gin Brit­ta Brech­tel die Ko­ope­ra­ti­on mit der Wis­sens­fa­brik hier in SH – ein tol­les Pro­jekt mit viel Po­ten­zi­al für die Schu­len im Land. 

Mit Stolz er­füllt uns na­tür­lich auch, dass wir aus un­se­rer Di­WiSH-Frau­en­grup­pe Women@​DiWiSH im Ver­bund mit vie­len an­de­ren Frau­en und ihren Netz­wer­ken mit un­se­rer Frau­en-Kon­fe­renz Tech&Taff ein neues Kon­fe­renz­for­mat eta­blie­ren konn­ten, was sich von Jahr zu Jahr so po­si­tiv ent­wi­ckelt.

Po­si­tiv be­wer­te ich auch die Ent­wick­lung der Start­up-Szene in Schles­wig-Hol­stein, bei der un­se­re FH-Stu­die­ren­de und auch Ab­sol­vent*innen eine wich­ti­ge Rolle spie­len. Es freut mich sehr, dass die Fach­hoch­schu­le Kiel in den letz­ten Jah­ren die Grün­dungs­för­de­rung an vie­len Stel­len ge­stärkt hat. Diese po­si­ti­ve Ent­wick­lung ist immer sehr gut sicht­bar beim wa­ter­kant-Fes­ti­val, bei dem ich immer wie­der auf er­folg­rei­che Grün­der*in­nen­teams aus dem FH-Um­feld tref­fe.

In vie­len Bran­chen im Nor­den fehlt es an Fach­kräf­ten, auch der IT. Konn­te der Ver­ein hier zu einer Ver­bes­se­rung der Lage bei­tra­gen?

Wir be­mü­hen uns nach Kräf­ten. Ich bin über­zeugt, dass kon­ti­nu­ier­li­che Auf­klä­rungs- und Nach­wuchs­ar­beit Früch­te tra­gen wird.  Dazu ge­hört auch, junge Frau­en auf die at­trak­ti­ven be­ruf­li­chen Per­spek­ti­ven in der Di­gi­tal­wirt­schaft hin­zu­wei­sen. Gro­ß­ar­tig war die Kam­pa­gne Women@​Tech, die von un­se­rem Clus­ter-Ma­na­ger Dr. Jo­han­nes Rip­ken und mei­ner Vor­stands­kol­le­gin Re­gi­ne Schlicht sowie wei­te­ren Mit­strei­ter*innen mit sehr viel En­ga­ge­ment durch­ge­führt wurde. Im Rah­men die­ser Kam­pa­gne haben wir im Zeit­raum von Sep­tem­ber 2021 bis Mai 2022 in Summe 32 Ex­per­tin­nen aus Schles­wig-Hol­stein, die in Di­gi­tal­be­ru­fen tätig sind, per Web­site, So­ci­al Media und News­let­ter vor­ge­stellt und sicht­bar ge­macht.

Gibt es eine Zu­sam­men­ar­beit der Hoch­schu­len mit der Di­WiSH? Wenn ja, wie sieht sie aus?

Die Schnitt­stel­le Wirt­schaft-Wis­sen­schaft und der damit ver­bun­de­ne Trans­fer ge­hö­ren zu den Schwer­punk­ten mei­nes Vor­stands­res­sorts. Aus mei­ner Sicht ist der Aus­tausch zwi­schen Wirt­schafts- und Hoch­schul­ver­tre­ter*innen viel­fach sehr in­ten­siv und ver­trau­ens­voll auf­grund lang­jäh­ri­ger Ver­bin­dun­gen und geht über die Pla­nung und Durch­füh­rung ge­mein­sa­mer Ver­an­stal­tungs­an­ge­bo­te deut­lich hin­aus. Ich habe z.B. im Rah­men mei­nes Mas­ter­mo­duls KI und Ethik mehr­fach die Chan­ce ge­nutzt – und plane es auch für das kom­men­de Jahr, zu­sam­men mit den Stu­die­ren­den die Se­mes­ter­ar­bei­ten im Rah­men einer Ko­ope­ra­ti­ons­ver­an­stal­tung mit der Di­WiSH-KI-Fach­grup­pe zu prä­sen­tie­ren. Über der­ar­ti­ge Trans­fer­ak­ti­vi­tä­ten ent­ste­hen neue Netz­wer­ke, Ideen für ge­mein­sa­me For­schungs­an­trä­ge, Ko­ope­ra­ti­ons­pro­jek­te u.ä. bis hin zu neuen Mo­du­l­an­ge­bo­ten für uns an den Hoch­schu­len.

Was ist Ihre Mo­ti­va­ti­on zur Mit­ar­beit an der Spit­ze der Di­WiSH?

Ich finde es ei­gent­lich selbst­ver­ständ­lich, dass ich mich als Wirt­schafts­in­for­ma­tik-Pro­fes­so­rin an einer staat­li­chen Hoch­schu­le für an­ge­wand­te Wis­sen­schaf­ten beim Clus­ter „Di­gi­ta­le Wirt­schaft Schles­wig-Hol­stein“ en­ga­gie­re. Mich freut es z.B. immer wie­der sehr, wenn ich dort auf ehe­ma­li­ge Kol­leg*innen aus frü­he­ren Un­ter­neh­men oder Stu­die­ren­de tref­fe, wir Syn­er­gi­en ent­de­cken und un­se­re Ideen auch gleich ge­mein­sam um­set­zen kön­nen.

Unser tol­ler Di­WiSH-Team-Spi­rit ist na­tür­lich auch ein we­sent­li­cher Er­folgs­fak­tor. Dazu muss man wis­sen, dass wir als Di­WiSH-Vor­stands­mit­glie­der alle eh­ren­amt­lich tätig sind und uns somit „on top“ zu un­se­ren un­ter­schied­li­chen Jobs en­ga­gie­ren. Ohne Spaß, Schaf­fens­freu­de und das Ge­fühl von Wirk­sam­keit würde es ganz be­stimmt nicht funk­tio­nie­ren.

Wel­che The­men ste­hen für die kom­men­den zwei Jahre auf der Agen­da?

Wir haben in un­se­rer Stra­te­gie seit 2021 den Fokus auf vier Hand­lungs­fel­der ge­legt: Fach­kräf­te si­chern und Kom­pe­ten­zen sowie Wirt­schaft in der di­gi­ta­len Trans­for­ma­ti­on wei­ter­ent­wi­ckeln, Sicht­bar­keit der Di­gi­tal­wirt­schaft in Schles­wig-Hol­stein stär­ken und As­pek­te der di­gi­ta­len Ethik und Nach­hal­tig­keit un­ter­stüt­zen.

Die höchs­te Prio­ri­tät wird nach mei­ner Ein­schät­zung das Thema Fach­kräf­te haben. Wir brau­chen neue und kluge Kon­zep­te, um diese Her­aus­for­de­rung zu be­wäl­ti­gen. Der Man­gel an IT-Ex­pert*innen darf die wirt­schaft­li­che Ent­wick­lung nicht aus­brem­sen. Das Thema Fach­kräf­te fängt letzt­lich schon in der Schu­le an. Dort legen wir bei den Schü­lern und Schü­le­rin­nen die Grund­la­gen für das In­ter­es­se an The­men. In die­sem Kon­text ist die kon­ti­nu­ier­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on der Lehr­kräf­te von be­son­de­rer Be­deu­tung. Von daher sind un­se­re An­ge­bo­te zur Un­ter­stüt­zung der Lehr­amts­aus- und -wei­ter­bil­dung sehr wich­tig. Die In­ten­si­vie­rung der Zu­sam­men­ar­beit mit den Schu­len, spe­zi­fi­schen In­itia­ti­ven wie z.B. der Wis­sens­fa­brik und dem In­sti­tut für Qua­li­täts­ent­wick­lung an Schu­len Schles­wig-Hol­stein wird für uns ein wich­ti­ges Thema der nächs­ten Amts­pe­ri­ode sein.

Eine zu­neh­mend hö­he­re Re­le­vanz be­kommt auch das schnel­le Er­ken­nen neuer IT-Trends und Zu­kunfts­the­men, um mög­lichst früh die Chan­cen die­ser Trends auf­grei­fen und nut­zen zu kön­nen – auch in Bezug auf neue Tä­tig­keits­fel­der, Rol­len und Job­pro­fi­le. Das ist na­tür­lich auch für uns an den Hoch­schu­len von grund­le­gen­der Be­deu­tung, wenn wir zu­kunfts­ori­en­tier­te Qua­li­fi­zie­rung an­bie­ten wol­len. Nach mei­ner Ein­schät­zung wird das The­men­feld der „Künst­li­chen In­tel­li­genz“ in Ver­bin­dung mit den ethi­schen Fra­ge­stel­lun­gen wei­ter boo­men – für mich spe­zi­ell die ge­ne­ra­ti­ven KI-Mo­del­le (für Text, Bild, Video, Musik usw.), die be­reits heute ein Game Chan­ger in vie­len Be­rei­chen sind.

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