Ein­füh­rungs­re­de

Ein­füh­rungs­re­de zur Aus­stel­lung "LOST"

von Dr. Fran­zis­ka Storch

Vie­len Dank für die Ein­la­dung.

Zwei Werkse­ri­en werde ich in den Blick neh­men. Be­gin­nen möch­te ich mit den groß­for­ma­ti­gen Fo­to­gra­fi­en, die wie Tep­pi­che vor den Wän­den hän­gen. Im An­schluss werde ich auf die In­stal­la­ti­on in der Raum­mit­te ein­ge­hen.

An Dor­nen­ge­büsch oder Ko­ral­len er­in­nern mich die mehr­tei­li­gen Bil­der hier im Bun­ker-D auf den ers­ten Blick. Sie könn­ten einem düs­te­ren Mär­chen ent­nom­men sein. Dass diese durch­schim­mern­den Bil­der aus Fo­to­gra­fi­en ent­stan­den sind, über­rascht zu­nächst. Wir er­war­ten von einer Fo­to­gra­fie Schär­fe, farb­li­che Bril­lanz, glat­te Ober­flä­chen. So stellt sich hier die Frage: Was wurde fo­to­gra­fiert? Und wie wurde fo­to­gra­fiert? Das Was und das Wie schei­nen bei die­sen Ar­bei­ten eng mit­ein­an­der ver­zahnt zu sein. Star­ten wir mit dem Wie:

Nachts. Nachts sind alle Kat­zen grau. Denn in der Däm­me­rung wer­den die Ner­ven­zel­len im Auge aktiv, die nur Hell-Dun­kel-Un­ter­schie­de aus­ma­chen kön­nen. Dafür sind sie ex­trem licht­emp­find­lich. Aber die künst­li­che Be­leuch­tung in der Nacht lässt uns auch in der ei­gent­lich dunk­len Nacht Far­ben wahr­neh­men. Wie ver­hält es sich mit dem Ka­me­ra-Auge, also bei einer di­gi­ta­len Ka­me­ra? Die nächt­li­chen Auf­nah­men zei­gen Ge­wirr in bräun­li­chen Tönen. Das Licht der Stra­ßen­la­ter­nen geht als Gelb­tö­nung in die Bil­der ein. Eine Auf­nah­me zur blau­en Stun­de zeich­net sich als weißblau­er Schein ab. Durch die Lang­zeit­be­lich­tung wer­den die Rän­der zwi­schen den ver­schie­de­nen Farb­tö­nen weich, flie­ßend. Un­schär­fe in Fo­to­gra­fi­en lesen wir als Be­we­gung. Statt Be­we­gung sehen wir hier einen Zwi­schen­zu­stand.

Kom­men wir damit zum Was. Die Fo­to­gra­fi­en zei­gen auf­ge­häuf­te Be­weh­run­gen. Diese Stahl­stä­be wer­den in Be­ton­bau­ten ein­ge­gos­sen, um die Zug­fes­tig­keit von Beton zu er­hö­hen. Da­durch sind große Flä­chen mit hoher Tra­glast mög­lich. Die Be­weh­run­gen auf den Fo­to­gra­fi­en schei­nen weder sor­tiert noch re­gel­mä­ßig an­ge­ord­net. Es han­delt sich um be­nutz­te Me­tall­tei­le. Hier und da haf­tet noch ein Stück Beton an den ge­bo­ge­nen Stre­ben. Beim Ab­riss eines Hau­ses wer­den die Bau­ma­te­ria­li­en sor­tiert: Ein Hau­fen Fens­ter, ein Hau­fen Beton, ein Hau­fen Be­weh­run­gen. Eine Vor­be­rei­tung für den Ab­trans­port und mög­li­ches Re­cy­cling.

Be­weh­run­gen, die­ser Be­griff trägt noch den Stamm Wehr in sich. Be­weh­ren als Verb er­scheint ver­al­tet. Be­weh­ren be­deu­tet, sich aus­rüs­ten, mit Waf­fen aus­rüs­ten. In der Recht­spre­chung ist etwas be­wehrt, wenn es mit einer Stra­fe be­legt ist. Im Um­gangs­sprach­li­chen Ge­brauch ist hin­ge­gen ge­läu­fig: Sich gegen etwas weh­ren. Einen Auf­ruf zur Ge­gen­wehr im Be­reich Ar­chi­tek­tur kön­nen wir immer wie­der be­ob­ach­ten. Egal ob es um Neu­bau oder Ab­riss geht.

In den Fo­to­gra­fi­en im Bun­ker-D kom­men beide Be­grif­fe zu­sam­men: Die Be­weh­run­gen zei­gen, dass die Ge­gen­wehr gegen den Ab­riss viel­leicht eine Ver­zö­ge­rung be­wirk­te, aber letzt­end­lich ge­schei­tert ist. Auf den Bil­dern sind die Be­weh­run­gen von ver­schie­de­nen Ge­bäu­den aus Ham­burg zu sehen, die wirt­schaft­lich un­at­trak­tiv ge­wor­den waren. Zu­letzt dien­ten sie als Kunst­or­te oder Ate­lier­häu­ser. Auf dem Grund­stück, wo einst das Frap­pant Al­to­na stand, leuch­tet heute eine IKEA-Fi­lia­le. Die tan­zen­den Türme haben das SKUM er­setzt. Zu­letzt ver­schwand ein wei­te­res Ate­lier­haus in der Blü­cher­stra­ße, un­weit von der Ree­per­bahn in Ham­burg Al­to­na.

Um die Auf­nah­men von den an­ge­häuf­ten Be­weh­run­gen ma­chen zu kön­nen, waren teil­wei­se eine po­li­zei­li­che Ge­neh­mi­gung, ein sehr star­kes Te­le­ob­jek­tiv zur Über­brü­ckung der Ent­fer­nung und eine frei­ste­hen­de Lei­ter not­wen­dig. Aus der Di­stanz, über den Bau­zaun hin­weg, ent­stan­den man­che der Fo­to­gra­fi­en. Bei der jüngs­ten Bau­stel­le waren erst­mals Nah­auf­nah­men mög­lich.

Die Wei­ter­be­ar­bei­tung der Fo­to­gra­fi­en äh­nelt den Vor­gän­gen auf der Bau­stel­le. Was und Wie sind auch hier eng mit­ein­an­der ver­knüpft. Die di­gi­ta­le Datei ist wie ein Ar­chi­tek­tur­ent­wurf. Am Rech­ner wird das Motiv wie ein Puz­zle in Stü­cke zer­legt. Diese Stü­cke wer­den ein­zeln auf A4-Blät­ter aus­ge­druckt und an­schlie­ßend wie­der als voll­stän­di­ges Bild zu­sam­men­ge­setzt. Wie ein Haus setzt sich das Bild aus den Ein­zel­tei­len zu­sam­men. Und schon folgt der Ab­riss. Das große For­mat wird zügig mit durch­sich­ti­gem Acryl­po­ly­mer ein­ge­stri­chen und ge­trock­net. Da­nach wird das Bild um­ge­dreht und von der Rück­sei­te wird das Pa­pier ab­ge­schrubbt. Die Pig­men­te, die ur­sprüng­lich auf dem Pa­pier haf­te­ten, ver­blei­ben im Acryl­po­ly­mer. Die Rück­sei­te wird noch ein­mal satt mit Acryl­po­ly­mer be­stri­chen. Die Pig­men­te sind ähn­lich iso­liert wie die aus dem Beton ge­lös­ten Be­weh­run­gen. Das Motiv ist aber er­hal­ten. Statt Pig­ment­hau­fen sehen wir Be­weh­rungs­hau­fen.

Die Spu­ren des zwei­ten Über­strei­chens blei­ben sicht­bar, weil das Ma­te­ri­al so dick auf­ge­tra­gen wurde. Die Ril­len im Ma­te­ri­al, klei­ne Luft­bla­sen und Kni­cke ma­chen aus der Fo­to­gra­fie ein Flach­re­li­ef. Wie ein Tep­pich hängt sie vor der Wand. Die Ril­len sind Be­we­gung­spu­ren und ge­mein­sam mit der Trans­pa­renz ver­lei­hen sie dem Motiv eine An­mu­tung von ein­ge­fro­re­ner Flüs­sig­keit. Ge­ra­de bei den Bil­dern mit hohem Blau­an­teil wäh­nen wir uns in einer fer­nen Un­ter­was­ser­welt.

Doch nah heran rückt diese Welt ge­ra­de im Bun­ker-D. Von Be­weh­run­gen sind wir hier kom­plett um­ge­ben. Sie sind unter uns, neben und über uns im Beton an­ge­ord­net. Ur­sprüng­lich dien­ten Hoch­bun­ker ei­ner­seits dem Schutz von Men­schen und waren eine bau­li­che Form von pas­si­ver Ge­gen­wehr. An­de­rer­seits gab es Flak­bun­ker, die aus­ge­stat­tet mit Waf­fen, Luft­an­grif­fe aktiv ab­weh­ren soll­ten. Nach dem zwei­ten Welt­krieg sind viele Ab­riss­ver­su­che bei Bun­ker­an­la­gen ge­schei­tert. Die Bun­ker haben sich ge­wehrt. Den Schutt an­de­rer zer­stör­ter Häu­ser – auch Zei­chen einer er­folg­lo­sen Wehr – wur­den IN die Bun­ker ge­kippt.

Be­trach­ten wir die fo­to­gra­fier­ten Be­weh­run­gen weder ra­tio­nal, noch his­to­risch, son­dern poe­tisch, so wer­den sie zu Ge­strüpp. Die Far­big­keit des an­ge­ros­te­ten Me­talls, die An­häu­fung und die star­ke Ver­grö­ße­rung rufen ge­mein­sam Bil­der von wu­chern­den Sträu­chern auf. Die ver­meint­li­chen Äste ver­weh­ren den Durch­blick. Ihr Mit­ein­an­der-ver­wirrt­sein ver­wehrt ein Durch­kom­men. Sie hin­dern das Auge am Durch­schau­en und den Kör­per am Vor­an­kom­men. Ver­wir­rung be­nennt eine geis­ti­ge, phy­si­ka­li­sche oder so­zia­le Un-Ord­nung, die Zu­sam­men­hän­gen­des durch­ein­an­der bringt. Die An­häu­fung aus be­nutz­ten Be­weh­run­gen wird zu einem Sinn­bild von Ver­wir­run­gen, ob­wohl sie im Kon­text der Bau­stel­le Teil eines Ord­nungs­sys­tems sind. Hier die Be­weh­run­gen, dort der Beton. Also auch eine Form der Um-Ord­nung.

Die ge­wähl­ten Bild­aus­schnit­te be­ein­flus­sen un­se­re Wahr­neh­mung. Eine grö­ße­re Ent­fer­nung würde die Sor­tie­rung nach Ma­te­ria­li­en er­kenn­bar ma­chen. In der Nah­sicht je­doch, wird der Ein­druck von einem wild wu­chern­des Ge­strüpp er­zeugt. Aus Ord­nung wird Ver­wir­rung. Den Ein­druck von Ver­wir­rung be­to­nen selbst die brei­ten Pin­sel­stri­che in dem Acryl­po­ly­mer. Der häu­fi­ge Rich­tungs­wech­sel in den Pin­sel­spu­ren er­in­nert an ein un-or­dent­li­ches Ge­we­be. Das steht im Ge­gen­satz zum geo­me­trisch ge­wo­be­nen Tep­pich aus Kett- und Schuss­fä­den.

Zur Ord­nung schreibt Al­fred Licht­wark: „Was der Mensch macht, muß den Stem­pel sei­nes We­sens und Wil­lens tra­gen, denn er ist von Haus aus ein Ord­ner“. So for­mu­liert es Al­fred Licht­wark in sei­nen Stu­di­en über Park­an­la­gen (S. 41). Der Blu­men­lieb­ha­ber ar­gu­men­tier­te für klare Ord­nungs­struk­tu­ren in gro­ßen und klei­nen Gär­ten. Er ließ sich so­wohl von Bau­ern­gär­ten als auch von Ba­rock­gär­ten mit ihrer geo­me­tri­schen An­la­ge in­spi­rie­ren. Doch auch bei einem ba­ro­cken Gar­ten wird die geo­me­tri­sche Struk­tur erst in der Vo­gel­per­spek­ti­ve er­kenn­bar. Wer durch den Gar­ten selbst wan­delt, wähnt sich manch­mal eher in einem ver­wir­ren­den La­by­rinth.

Ord­nung ist unser Zu­gang zur Welt, wis­sen auch Psy­cho­lo­gen. Ord­nung er­mög­licht Wie­der­ho­lung. Wie­der­ho­lung er­mög­licht Res­sour­cen zu spa­ren. ZU ein­fa­che Ord­nungs­sys­te­me sor­gen hin­ge­gen für Vor­ur­tei­le. Und Vor­ur­tei­le kön­nen im schlimms­ten Fall Hass und Ge­walt be­din­gen.

Ver­wir­rung ent­steht, durch Um-Ord­nun­gen oder ZU kom­ple­xe Si­tua­tio­nen. Das Feld ist weit: emo­tio­na­le Ver­wir­rung, den Durch­blick im Pa­pier­kram ver­lie­ren, Zu­sam­men­hän­ge zwi­schen Wirt­schaft und Po­li­tik als ver­wir­rend wahr­neh­men, gor­di­sche Kno­ten in Kon­flikt­si­tua­tio­nen. Das Ord­nen und das Fil­tern wer­den zu immer wich­ti­ge­ren Kern­kom­pe­ten­zen auf­grund einer gro­ßen Menge und Viel­falt an Bil­dern, In­for­ma­tio­nen und Mei­nun­gen. Glo­ba­li­sie­rung und Di­gi­ta­li­sie­rung näh­ren unser Ge­fühl von Ver­wir­rung. Den Durch­blick zu ver­lie­ren.

Wie viel Ord­nung und wie viel Ver­wir­rung sind gut? 2013 wurde eine psy­cho­lo­gi­sche Stu­die von Kath­le­en D. Vohs, Jo­seph P. Red­den und Ryan Ra­hi­n­el vor­ge­legt. Sie trägt die Er­geb­nis­se be­reits im Titel: „Phy­si­cal Order Pro­du­ces Healthy Choices, Ge­ne­ro­si­ty, and Con­ven­tio­na­li­ty, Whe­reas Dis­or­der Pro­du­ces Crea­ti­vi­ty“. Im ers­ten Ex­pe­ri­ment zeig­ten die Psy­cho­lo­gen, dass sich die Teil­neh­men­den in einer or­dent­li­che­ren Um­ge­bung eher für ge­sün­de­re Snacks ent­schie­den und eher be­reit waren, Geld zu spen­den. Im zwei­ten Ex­pe­ri­ment fan­den die Psy­cho­lo­gen her­aus, dass die Teil­neh­men­den in einer un­or­dent­li­che­ren Um­ge­bung krea­ti­ver waren.

Ich komme jetzt zur In­stal­la­ti­on mit­ten im Raum. Sie ist deut­lich ex­pli­zi­ter als die Fo­to­re­li­efs vor den Bun­ker­wän­den. Ei­gen­ar­ti­ge Häute hän­gen hier an einem Me­tall­ha­ken von der Decke oder lie­gen steif ge­streckt. Dar­un­ter steht eine de­for­mier­te Dusch­wan­ne, die sich auf­zu­bäu­men, zu weh­ren, scheint gegen die Nut­zung als Auf­fang­be­cken von Flüs­sig­kei­ten.

Die ver­meint­li­chen Häute sind eben­falls mit Acryl­po­ly­mer be­ar­bei­te­te Fo­to­gra­fi­en. Im ent­fal­te­ten Zu­stand wird der nack­ten Ober­kör­per der Künst­le­rin er­kenn­bar. Die Haut ist hier Motiv und zu­gleich Ma­te­ri­al. Durch die Be­ar­bei­tung der Fo­to­gra­fie ent­steht eine künst­li­che Haut. Der fo­to­gra­fier­te Ober­kör­per wird zu einer schein­bar ab­ge­zo­ge­nen Haut.

Die ab­ge­zo­ge­ne Men­schen­haut be­sitzt in der Kul­tur­ge­schich­te eine lange Tra­di­ti­on, die bis zu Ovids Me­ta­mor­pho­sen reicht. In der Er­zäh­lung wird der Flöte spie­len­de Mar­syas ge­häu­tet, weil er es ge­wagt hatte, gegen Apoll, den Gott der Musik, an­zu­tre­ten. Was der eine darf, darf der an­de­re noch lange nicht. Gott und Satyr waren nicht gleich, das be­stimm­te die so­zia­le Ord­nung.

Die Häute hier im Bun­ker-D hän­gen an einem Flei­scher­ha­ken, der As­so­zia­tio­nen zum Schlacht­haus, also in­dus­tri­el­ler Tö­tung auf­zu­ru­fen ver­mag. Der Aus­stel­lungs­raum selbst ver­weist durch seine Ent­ste­hungs­ge­schich­te auf die Zeit zwi­schen 1933 und 1945. Im so­ge­nann­ten Drit­ten Reich wur­den Men­schen mas­sen­wei­se in Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern ge­tö­tet. Schritt für Schritt ge­plant, ge­tak­tet wie eine ma­schi­nel­le In­dus­trie. Das Pro­dukt: der Tod. Die Haut toter Men­schen wurde teil­wei­se zu Lam­pen­schir­men wei­ter­ver­ar­bei­tet. Eine mehr als per­ver­se Vor­stel­lung wurde Rea­li­tät und ist heute nur EIN Zeug­nis der un­vor­stell­ba­ren Grau­sam­kei­ten in einem nicht fass­ba­ren Aus­maß.

Die Frage, wie aus ganz nor­ma­len Men­schen Mas­sen­mör­der wer­den, wurde immer wie­der ge­stellt. Der So­zio­lo­ge und So­zi­al­psy­cho­lo­ge Ha­rald Wel­zer ist über­zeugt, die so­zia­le Ord­nung spiel­te dabei eine we­sent­li­che Rolle. In sei­nem Buch, Täter. Wie aus ganz nor­ma­len Men­schen Mas­sen­mör­der wer­den, schreibt er über die Mas­sen­mor­de an Men­schen im Drit­ten Reich und auch in spä­te­ren Krie­gen:

„Mir scheint, man kann das alles nur dann ver­ste­hen, wenn man sich klar­macht, dass in einem so­zia­len Ge­fü­ge le­dig­lich eine ein­zi­ge Ko­or­di­na­te ver­scho­ben wer­den muss […]. Diese Ko­or­di­na­te heißt so­zia­le Zu­ge­hö­rig­keit.“[1]

Eine be­stehen­de Ord­nung er­fährt eine Um-Ord­nung. Jü­disch oder Nicht-Jü­disch lau­te­te die neue so­zia­le Zu­ge­hö­rig­keit. Ha­rald Wel­zer ver­weist dar­auf, dass be­reits Han­nah Arendt diese Ver­schie­bung be­ob­ach­tet hat. Die Ein­trä­ge im Stamm­baum führ­ten zu einer Spal­tung der Ge­sell­schaft. Hanna Arendt: „Als sich be­sag­te acht­zig Mil­lio­nen auf die Suche nach dem ge­fürch­te­ten jü­di­schen Gro­ßva­ter mach­ten, war eine Art Ein­wei­hungs­ri­tu­al er­reicht: Je­der­mann kam aus der Sache mit dem Ge­fühl her­aus, zu einer Grup­pe von ‚Ein­ge­schlos­se­nen‘ zu ge­hö­ren, denen eine ima­gi­nä­re Masse von ‚Aus­ge­schlos­se­nen‘ ge­gen­über­stand.“[2] [FN 548]

1961 hatte Han­nah Arendt den Pro­zess von Adolf Eich­mann in Je­ru­sa­lem mit­ver­folgt. Adolf Eich­mann stand als ehe­ma­li­ger SS-Ober­sturm­bann­füh­rer vor Ge­richt und wurde der Mit­ver­ant­wor­tung an der Er­mor­dung von Mil­lio­nen Juden an­ge­klagt. Han­nah Arendt be­rich­te­te für die US-ame­ri­ka­ni­sche Zeit­schrift The New Yor­ker in fünf Etap­pen. Alle Teile zu­sam­men wur­den im Fol­ge­jahr in dem Buch Eich­mann in Je­ru­sa­lem. Ein Be­richt von der Ba­na­li­tät des Bösen ver­öf­fent­licht. Be­reits in der Ein­lei­tung schreibt Han­nah Arendt:

„Er [Adolf Eich­mann] hat prin­zi­pi­ell ganz gut ge­wu­ßt, worum es ging, und in sei­nem Schluß­wort vor Ge­richt von der ‚staat­li­cher­seits vor­ge­schrie­be­nen Um­wer­tung der Werte‘ ge­spro­chen; er war nicht dumm. Es war ge­wis­ser­ma­ßen schie­re Ge­dan­ken­lo­sig­keit […] Und wenn dies ‚banal‘ ist und […] wenn man ihm näm­lich beim bes­ten Wil­len keine teuf­lisch-dä­mo­ni­sche Tiefe ab­ge­win­nen kann, so ist es darum doch noch lange nicht all­täg­lich. […] Daß eine sol­che Rea­li­täts­fer­ne und Ge­dan­ken­lo­sig­keit in einem mehr Un­heil an­rich­ten kön­nen als alle die dem Men­schen viel­leicht in­ne­woh­nen­den bösen Trie­be zu­sam­men­ge­nom­men, das war in der Tat eine Lek­ti­on, die man in Je­ru­sa­lem ler­nen konn­te.“[3]

Adolf Eich­mann wähn­te sich nach der Um­wer­tung der Werte, wie er es nann­te, in einer neuen Ord­nung und damit im Recht. Juden waren fort­an die „Aus­ge­schlos­se­nen“ – wie Han­nah Arendt es nann­te. Sie wur­den auf­grund die­ser Zu­ge­hö­rig­keit, die­ser Um-Ord­nung, als min­der­wer­tig be­han­delt. Bei Ovid hatte der Gott Apoll den nied­ri­ge­re Mar­syas be­straft. Zwi­schen 1933 und 1945 be­straf­te Adolf Eich­mann un­zäh­li­ge ALS Juden „ein­sor­tier­te“ Men­schen.

Der Titel der In­stal­la­ti­on hier im Bun­ker-D lau­tet „Epi­taph“. Der Be­griff Epi­taph be­deu­tet „zum Grab ge­hö­rend“. Er be­zeich­net eine be­son­de­re Form des Ge­den­kens an eine ver­stor­be­ne Per­son mit­tels Bild und Text. Als Schein­grab um­fasst ein Epi­taph ein Ge­mäl­de, ein Re­li­ef oder eine Skulp­tur der ver­stor­be­nen Per­son zu­sam­men mit einem Text, der In­for­ma­tio­nen über die Per­son gibt. Hier im Bun­ker-D ver­weist die Haut als Skulp­tur auf eine ver­stor­be­ne Per­son. Text fehlt. Wäh­rend ein klas­si­sches Epi­taph wohl­wol­lend der Ver­stor­be­nen ge­denkt, prä­sen­tiert die In­stal­la­ti­on „Epi­taph“ ein ab­schre­cken­des Bild, das die Grau­sam­keit des Todes als Er­mor­dung ein­schlie­ßt.

Ein Ge­den­ken der Bru­ta­li­tät und des Leids in der Ver­gan­gen­heit al­lein wen­det noch keine Wie­der­ho­lung von Bru­ta­li­tät und Leid in der Zu­kunft ab. Dies ist die er­nüch­tern­de Er­kennt­nis, die in die­sen Tagen lei­der wie­der hoch ak­tu­ell ist. Krieg trotz aller Krie­ge zuvor. In der Um-Ord­nung und den Ver­wir­run­gen eines Krie­ges wer­den Viele zu Ge­flüch­te­ten: Kin­der, Leh­re­rin­nen, Ta­xi­fah­rer, Su­per­markt-Mit­ar­bei­ter, Tän­ze­rin­nen. An­de­re wer­den zu Sol­da­ten: Kin­der, Leh­re­rin­nen, Ta­xi­fah­rer, Su­per­markt-Mit­ar­bei­te­rin­nen, Schau­spie­ler. Die Jour­na­lis­tin Ca­ro­lin Emcke hat schon viele Kriegs- und Kri­sen­ge­bie­te be­reist. Erst jüngst hat sie in einem Ge­spräch in der Ham­bur­ger Buch­hand­lung Felix Jud dar­auf hin­ge­wie­sen, wie wich­tig es ist, das Davor mit zu er­zäh­len. Bevor eine Per­son zu einem Flücht­ling wurde, lieb­te sie Bü­cher von XY, hörte gerne die und die Musik, ar­bei­te­te als Bü­ro­kauf­mann oder -frau. Die­ses Davor be­wusst zu hal­ten, ist eine Stra­te­gie, von der auch Über­le­ben­den der Scho­ah be­rich­tet hat­ten, so Ca­ro­lin Emcke. Wäh­rend ihres Phi­lo­so­phie-Stu­di­ums hatte sie sich mit dem Thema be­schäf­tigt. Sie be­rich­te­te von Über­le­ben­den der Scho­ah, die beim Mor­gen­ap­pell in­ner­lich ge­lern­te Ge­dich­te auf­ge­sagt hat­ten, heim­lich Texte in an­de­re Spra­chen über­setzt hat­ten oder auch heim­lich ge­zeich­net hat­ten. Kul­tur er­hält das Ge­fühl auf­recht, Mensch zu sein, trotz ent­mensch­li­chen­der Er­fah­run­gen. Sie be­sitzt das Po­ten­ti­al, eine in­ne­re Ord­nung zu er­hal­ten wider aller Um-Ord­nung. Ob Musik, Li­te­ra­tur oder Kunst, Kul­tur kann in Frie­dens­zei­ten Ge­nuss be­deu­ten oder zum Nach­den­ken an­re­gen. In Ex­trem­si­tua­tio­nen von Um-Ord­nung und Wir­ren, wie Krieg, ver­mag sie es auch, zur über­le­bens­not­wen­di­gen Ord­nung zu wer­den.

 


[1] Ha­rald Wel­zer: Täter. Wie aus ganz nor­ma­len Men­schen Mas­sen­mör­der wer­den, Frank­furt am Main 2006, S. 248.

[2] Ha­rald Wel­zer: Täter. Wie aus ganz nor­ma­len Men­schen Mas­sen­mör­der wer­den, Frank­furt am Main 2006, S. 251, zit. Han­nah Arendt, Quel­len­an­ga­be FN 548.

[3] Hanna Arendt: Eich­mann in Je­ru­sa­lem. Die Ba­na­li­tät des Bösen, Mün­chen 1964, S. 16.