Jocelyn Bell Burnell

Die Entdeckerin der Pulsare

Als Doktorandin in Cambridge musste Jocelyn Bell Burnell Daten eines Radioteleskops auswerten  und entdeckte dabei ungewöhnlich regelmäßige Signale, die offensichtlich kosmischen Ursprungs waren. Später wurden rotierende Neutronensterne (Pulsare) als Quelle dieser Impulse erkannt. Bell Burnells Doktorvater Anthony Hewish erhielt für die Entdeckung der Pulsare 1974 gemeinsam mit Martin Ryle den Nobelpreis für Physik. Jocelyn Bell Burnel wurde nicht erwähnt.  Das folgende Interview soll neugierig machen auf  die Ausstellung "Astronominnen – Frauen, die nach den Sternen greifen", die vom 8. März bis zum 14. April 2011 im Mediendom der FH Kiel zu sehen ist.

Annika Schank (AS): Lassen Sie uns vorne anfangen. Zunächst würde mich interessieren, warum Sie sich entschieden haben, Astronomie zu studieren.

Jocelyn Bell Burnell (JBB): Sobald ich Naturwissenschaften in der Schule lernte, begann ich Bücher darüber zu lesen und war fasziniert von Astronomie.

AS: Sie haben bis 1965 an der Universität Glasgow zunächst Physik studiert. Was waren Ihre Erwartungen an das Studium?

Joycelyn Bell Burnell
Joycelyn Bell Burnell: Sie entdeckte die Pulsare, den Nobelpreis erhielt ein anderer.

JBB: Ich habe mich zunächst für Physik eingeschrieben, weil ich dachte, wenn ich mich für Astronomie einschreibe und nicht klug genug bin, um Astronomin zu werden, dann bin ich aufgeschmissen. Wenn ich aber einen Abschluss in Physik mache und nicht klug genug bin, um in Astronomie weiterzumachen, kann ich einen Job als Physikern annehmen. So habe ich damals gedacht. Ich sah den Abschluss in Physik als einen Weg zur Astronomie, und es war ein guter Studiengang dafür, weil Physik die Grundlage der Astronomie ist.

AS: Wie viele weibliche Studierende gab es in Ihrem Studiengang an der Universität?

JBB: Im Abschlussjahr waren 49 Männer und ich.

AS: Und hatten Sie weibliche Lehrkräfte an der Universität?

JBB: Für kurze Zeit gab es mal eine, aber sie ist sehr schnell wieder gegangen. Sie hat aufgegeben.

AS: Wie beurteilen Sie die Situation heute?

JBB: Heute ist es besser. In einem Jahrgang sind üblicherweise etwa 20 Prozent Frauen.

AS: Und wie sieht es in den höheren Positionen an der Uni aus? Gibt es heute auch mehr Dozentinnen?

JBB: Es gibt immer noch einige Unis in Großbritannien, an denen es keine Dozentinnen in diesem Bereich gibt. Aber die meisten Physik-Institute haben nun zumindest eine oder zwei.

AS: Zurück zu Ihrer Karriere: Womit genau beschäftigte sich ihre Forschung? Was waren die wichtigsten Projekte, an denen sie gearbeitet haben?

JBB: Ich habe meine Doktorarbeit in Radio-Astronomie geschrieben. Und dann habe ich geheiratet. Einen Mann, der alle fünf bis sechs Jahre seine Arbeitsstelle wechselte. Also bin ich alle fünf bis sechs Jahre umgezogen. Und bald kam auch ein Kind, so dass ich in Teilzeit gearbeitet habe. Meine Forschung hing davon ab, wo ich lebte. Und das hing davon ab, wo mein Mann arbeitete. Dadurch habe ich viele verschiedene Dinge gemacht.

AS: Sehen Sie das als einen Nachteil für Ihre Karriere?

JBB: Ich finde es sehr frustrierend.

AS: Sie haben 1967 eine wichtige Entdeckung gemacht, als Sie noch für Ihre Doktorarbeit forschten: sogenannte Pulsare, die regelmäßige Strahlungs-Impulse aussenden. Sie bedienten damals ein von Anthony Hewish neu entwickeltes Radioteleskop und analysierten dessen Aufzeichnungen.

JBB: Die Entdeckung war ein Zufall. In dem Projekt ging es eigentlich um etwas ganz anderes. Und die Pulsare oder Neutronen-Sterne, die wir entdeckten, waren so unerwartet, dass wir unmöglich planen konnten, sie ausfindig zu machen. Sie waren ein Zufallsfund als ich dabei war, eine Vermessung des Himmels zu machen und den Himmel in einer Weise zu kartografieren, wie er zuvor noch nicht erfasst worden war.

AS: Ich habe gelesen, dass die Pulsare, die Sie entdeckt haben, nur im Anhang Ihrer Doktorarbeit vorkommen.

JBB: Ja, mein Betreuer, mein Doktorvater, Tony Hewish, meinte, es sei zu spät, das Thema der Arbeit zu ändern. Also mussten sie in den Anhang.

AS: Hätten Sie es vorgezogen, das Thema zu ändern und weiter an den Pulsaren zu forschen?

JBB: Ja, ich denke schon. Aber das war nicht möglich.

AS: Wie war die Zusammenarbeit mit Anthony Hewish? Wie war er als Betreuer und als Chef?

JBB: Oh, er war ein sehr guter Chef.

AS: Ihr Doktorvater Anthony Hewish hat 1974 den Nobelpreis für die Entdeckung der Pulsare erhielt. Sie wurden nicht berücksichtigt, obwohl viele meinen, der Preis hätte Ihnen zugestanden. Was denken Sie darüber?

JBB: Das war nicht seine Entscheidung.

AS: Und was denken Sie über die Entscheidung des Nobelpreis-Komitees?

JBB: Das ist eine schwierige Frage. Später hat das Nobelpreis-Komitee Studierende und ihre Betreuer zusammen ausgezeichnet...

AS: Glauben Sie, das Nobelpreis-Komitee hätte anders entschieden, wenn Sie ein Mann gewesen wären?

JBB: Ich denke, es hatte mehr damit zu tun, dass ich noch Doktorandin war.

AS: Sie haben sehr unterschiedliche Erfahrungen im Verlauf Ihrer Karriere gemacht. Gibt es einen Rat, den Sie jungen Physikerinnen oder Astronominnen geben würden?

JBB: Wenn euch das Fach interessiert, macht es! Studiert es. Es macht riesigen Spaß, es ist faszinierend, aufregend und ein toller Beruf!

Das Interview wurde geführt und aus dem Englischen übersetzt von Annika Schank.

Zur Vita:

Susan Jocelyn Bell wurde am 15. Juli 1943 in Belfast, Nordirland geboren. Nach ihrem Physik-Studium in Glasgow promovierte sie 1968 an der Universität Cambridge in Radioastronomie.Im gleichen Jahr heiratete sie Martin Burnell. 1973 wurde ihr Sohn Gavin geboren. Jocelyn Bell Burnell forschte nach ihrer Promotion zunächst in Southampton, später in London und Edinburgh und arbeitete gleichzeitig an der Open University, einer britischen Fernuniversität, an der sie 1991 eine Professur in Physik erhielt. Von 2001 bis zu ihrer Pensionierung 2004 war sie Dekanin für Naturwissenschaften an der Universität Bath und von 2002 an Präsidentin der Royal Astronomical Society.




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  Diese Seite wurde zuletzt am  16.11.2017  aktualisiert