Lehre für Alle

Hypatia von Alexandria (ca. 370-415 n. Chr.)

Vom 8. März bis zum 14. April 2011 ist im Mediendom der Fachhochschule Kiel die Ausstellung „Astronominnen – Frauen, die nach den Sternen greifen“ zu sehen.  Dieses fiktive Interview mit Hypatia von Alexandria, einer spätantiken Mathematikerin, Astronomin und Philosophin, soll neugierig machen auf die im Mediendom gezeigten Szenarien aus Wissenschaft, Geschichte, Fantasy und aktueller Kunst.

„Es gab in Alexandria eine Frau mit Namen Hypatia, Tochter des Philosophen Theon, die in Literatur und Wissenschaft so erfolgreich war, dass sie alle Philosophen ihrer Zeit übertraf. Zugelassen zur Schule Platons und Plotins hielt sie Vorlesungen über die Grundlagen der Philosophie. Viele Hörer kamen von weither, um von ihr unterrichtet zu werden. Dank ihres souveränen Auftretens und ihrer eleganten Erscheinung, die sie sich als Folge ihrer Geisteskultur angeeignet hatte, erschien sie häufig in der Öffentlichkeit in Gegenwart hoher Staatsbeamter. Sie scheute sich auch nicht, in öffentliche Versammlungen von Männern zu gehen. Alle Männer bewunderten sie dafür auf Grund ihrer außerordentlichen Würde und Tugend umso mehr“ (Sokrates Scholastikos, (380 – ca. 440, Konstantinopel), Kirchengeschichte, 7,15)

Ulrike Tscherner-Bertoldi (U.T.B.): Hypatia, Sie gelten als erste Wissenschaftlerin überhaupt im heutigen Verständnis, die Umstände Ihres Lebens und Sterbens haben die Menschen fasziniert und ihre Phantasie angeregt. Wie kam es dazu, dass Sie solch eine besondere Stellung in der Geschichte einnehmen?

Hypatia von Alexandria
Hypatia von Alexandria (ca. 370-415 n. Chr.), Collage unter Verwendung einer Zeichnung aus dem Buch "Little Journeys to the Homes of Great Teachers" von Elbert Hubbard

Hypatia (H.): Mir dünkt, das zeitliche Zusammenfallen meiner Ermordung und des Endes des römischen Imperiums und der antiken Wissenschaft meinem Leben eine besondere Bedeutung gegeben haben. Nachdem ich gestorben war versank das antike Alexandria, und mit ihm die Erkenntnisse der Astronomie, Mathematik und Physik.

U.T.B.: Eine Entwicklung, die allerdings schon abzusehen war. Schon zur Zeit Ihrer Geburt waren in Alexandria, ihrer Geburtsstadt, erste Verfallserscheinungen zu bemerken.

H.: Mein Vater, Theon, der am Museion angestellt war um Mathematik und Astronomie zu lehren erzählte mir bisweilen von den Glanzzeiten dieser Einrichtung, die zu Zeiten über einhundert Professoren beschäftigte, eine große Bibliothek, ein Observatorium und Seziersäle besaß. Die größten Gelehrten waren in Alexandria zu Hause.

U.T.B.: Zu denen nach Wunsch Ihres Vaters auch Sie gehören sollten.

H.: Richtig gewiss. Mein Vater Theon hatte sich das Ziel gesetzt, aus mir einen vollkommenen Menschen zu machen und ließ mir eine äußerst sorgfältige Erziehung angedeihen.

U.T.B.: Dabei wurden die Frauen zu jener Zeit als eine Art Menschen zweiter Klasse angesehen.

H.: Theon schätzte die weibliche Natur nicht gering. Denn er besaß einen offenen Geist und führte mit mir diese Missachtung ad absurdum. Auf meinen Reisen nach Italien und Griechenland, fand ich allseits Bewunderung für meinen Verstand, in Alexandria studierte, schrieb und lehrte ich.

U.T.B.: Hatten Sie in Griechenland auch Kontakt zu den Neuplatonikern?

H.: Gewiss, ich lernte natürlich Plutarch den Jüngeren und seine Tochter Asklepigeneia kennen, aber die intolerante Athener Schule konnte mich nicht überzeugen. Alexandria selbst war ein Zentrum der Neuplatoniker, wir jedoch stützten uns vor allem auf die Mathematik und weniger auf Übersinnliches wie die Athener.

U.T.B.: Und Sie waren offiziell dazu beauftragt, die Lehren von Platon, Aristoteles und deren Anhängern darzulegen?

H.: So ist es. Ich hatte einen Lehrauftrag und sprach über Mathematik, Astronomie, Philosophie und Mechanik – die Verwendung und Entwicklung technischer Geräte fand bei mir besondere Beachtung. Meine Vorträge wurden von weit gereisten Studenten gehört, ich unterrichtete Heiden, Juden und Christen gleichermaßen.

U.T.B.: Obwohl das Museion zu jener Zeit schon Konkurrenz von Schulen bekommen hatte, die nur den jeweiligen Konfessionen offen standen. 

H.: Eine Entwicklung, die ich für sehr gefährlich hielt. Ich versuchte ein Zeichen gegen diese zunehmende Ab- und Ausgrenzung zu setzen, indem ich Vorträge an öffentlichen Plätzen hielt und dort über Platon, Aristoteles und andere Philosophen sprach.

U.T.B.: Das Römische Reich, zu dem Alexandria ja gehörte, war dabei christlich zu werden, die Naturwissenschaften wurden von den meisten Christen als Irrweg angesehen. Kirchenoberste rehabilitierten überkommene Vorstellungen von der Erde als Scheibe, Mathematiker wurden wilden Tieren vorgeworfen. Keine einfache Zeit für Sie als Neuplatonikerin.

H.: Richtig gewiss. Im Jahre 412 kam zur weiteren Verschlechterung der Situation  auch noch ein neuer Patriarch in Alexandria an die Macht, Cyrillus, ein fanatischer Christ, schlimmer noch als sein Vorgänger Theophilus. Cyrillus begann, tausende von Juden aus Alexandria zu vertreiben und hatte das selbe mit uns Neuplatonikern vor. Trotz Einspruch von Orestes, dem römischen Statthalter in Ägypten.

U.T.B.: …der auch ein ehemaliger Schüler und Verehrer von Ihnen war.

H.: So ist es. Orestes beschwor mich, zum Christentum zu konvertieren, was ich allerdings strikt ablehnte. Dafür hätte ich alle meine Überzeugungen aufgeben müssen. Auch fühlte ich mich durch meinen eigenen Einfluss geschützt; immerhin pflegten die Magistraten meinen Rat in wichtigen Angelegenheiten einzuholen, ich hatte reiche und mächtige Freunde.

U.T.B.: Die Sie letztendlich aber nicht schützen konnten vor einer aufgebrachten Menge. Wer war denn nun eigentlich Schuld? Tatsächlich der später auch noch heiliggesprochene Cyrillus?

H.: Ich befasste mich mit Wissenschaft, nicht mit Orakeln. Dazu kann ich leider nichts sagen.

U.T.B.: Schade. Aber ein wenig Geheimnis fördert wohl den Ruhm.

H.: Das ist richtig. Mein Leben und meine Person sind Gegenstand einer solchen Menge von Schriften, Bildnissen und sogar dieser bewegten Bilder, die Sie Film nennen geworden, und dabei ist von meinen Schriften selbst alles verstreut und vergangen…

U.T.B.: Vielleicht fördern ein glücklicher Fund und die Wissenschaft ja doch irgendwann noch einmal etwas zutage. Ich danke für dieses Gespräch.

Dieses fiktive Interview wurde von Ulrike Tscherner-Bertoldi geführt.




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  Diese Seite wurde zuletzt am  22.09.2017  aktualisiert